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Audeze LCD-X Review - "Die Schwarze Witwe" 🇩🇪


Prolog:

In meinem Review gehe ich auf den LCD-X von Audeze, der preislich bei ca. 1700€ liegt, ein und werde auch stellenweise kleinere Vergleiche mit dem Sennheiser HD 800 einbinden.

War die Farbe des LCD-X früher noch frei wählbar (gunmetal grey oder black), wird der Kopfhörer mittlerweile nur noch in schwarz geliefert, so wie auch mein Exemplar, das ich mit den schwarzen Polstern aus weichem Lammleder bestellt habe (alternativ gibt es noch braune Velours-Polster).

Die Seriennummern des Kopfhörers sind übrigens nicht fortlaufend und so kommt es auch vor, dass eine neuere Seriennummer ein älteres Modell repräsentieren kann. So ist meine 7455XX-er Seriennummer niedriger als bei anderen mir bekannten, älteren LCD-X Kopfhörern, obwohl mein Modell neuer ist (Dezember 2014 vom Händler als Neuware aus der damals neuesten Charge erworben).
Wie genau die Seriennummern bei Audeze zustande kämen, wollte man mir bei Audeze nicht mitteilen.

Auf Anfrage kann man sich bei Audeze den individuellen Frequenzgang des eigenen Kopfhörers per e-Mail zusenden lassen, dazu muss man dem Servicemitarbeiter die Seriennummer, welche sich auf der linken Innenseite des Verstellmechanismus am Kopfhörer befindet, mitteilen und erhält zeitnah eine Antwort.

Dies ist übrigens der Frequenzgang-Graph meines LCD-X:

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Der Wirkungsgrad ist übrigens sehr hoch und der Kopfhörer mit orthodynamischem Wandler benötigt nur wenig Verstärkerleistung.


Mein LCD-X auf meinem Sieveking Omega Kopfhörerständer aus Walnussfurnier.



Lieferumfang:

Geliefert wird der Audeze in einem großen, gepolsterten und wasserdichten Transportkoffer, welcher eine in einem versiegelten Brief enthaltene Garantiekarte, ein gewöhnliches Anschlusskabel mit 6,3 mm Klinkenstecker, einen Kabelpeitschenadapter auf 3,5 mm, sowie ein symmetrisches Anschlusskabel mit großem XLR Stecker enthält.
Am Transportkoffer muss ich ein wenig Kritik ausüben, denn der Deckel lässt sich nicht schließen, sofern das Kabel am Kopfhörer befestigt ist - die Mini-XLR Stecker sind einfach zu lang.


Verarbeitung:

Der Kopfhörer ist solide verarbeitet und wirkt massiv, ich kann keine Mängel bei meinem Modell feststellen.
Die weichen Polster sind sauber und gleichmäßig vernäht, lediglich das flache, vieradrige Kabel könnte etwas flexibler sein und am Y-Splitter des Kabels hätte ich mir noch einen Knickschutz gewünscht. Der Verstellmechanismus des Kopfbandes ist angenehm fest und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich die Größe selbstständig ändert. Der Lack ist gleichmäßig und frei von Einschlüssen.


Tragekomfort:

Das hohe Gewicht von immerhin etwa 600 g mit Kabel stört mich beim Tragen nicht sonderlich, da die großen, enorm weichen Lammlederpolster sehr bequem zu tragen und kaum spürbar sind, das Kopfband könnte jedoch besser gepolstert sein und ist recht hart, was sich bei längerem Tragen in einem gewissen Druck von oben äußert.


Klang:

Von Audeze wird der LCD-X als neutralstes Modell der Produkt-Palette beschrieben, was auch stimmt. Von komplett neutralem Klang weicht dessen Klangsignatur dann doch ein wenig ab, wie aber auch die meisten anderen Kopfhörer im oberen Preisbereich ebenfalls (der HD 800 ist stellenweise sogar ein wenig stärker gesoundet), der Amerikaner würde den LCD-X wohl als "neutral-ish" bezeichnen. Im Folgenden gehe ich näher darauf ein:

Tonalität:

Grob zusammengefasst kann man den Klang des in Handarbeit hergestellten Amerikaners als ausgewogen bit bassiger Note, leicht warmem und dunklem Klang und etwas zurückgesetztem Hochton bezeichnen.

Der Bassbereich ist gleichmäßig linear angehoben, im Tief(st)bass gibt es einen Pegelabfall, welcher der Fazor-Technologie geschuldet ist, die alle LCD-Xe besitzen (das gleiche Verhalten sieht man auch beim LCD-2F im Vergleich zum Frequenzgangsgraph eines LCD-2-non-F). In der Praxis ist dieser Abfall meiner Meinung nach jedoch irrelevant und Frequenzen unterhalb 30 Hz eher eine Minderheit in der Musik.
Die Mitten sind ein wenig überpräsent um als neutral durchzugehen und der Grundtonbereich, der zusammen mit dem Bassbereich gleichmäßig leicht betont ist, strahlt ein wenig in die unteren Mitten hinein, was Stimmen eine leichte Wärme verleiht.
Die unteren Höhen sind abgesenkt, verstärken den Eindruck der leicht warmen Mitten und verleihen dem LCD-X den wohl typischen Audeze Haussound.
Darauf folgend steigt der Pegel in den mittleren Höhen und im Superhochton wieder an, ist jedoch noch immer ein wenig unterpräsent im Vergleich zum Rest, wodurch der Hochton jedoch nie unangenehm oder aufdringlich wirkt und Aufnahmen mit zu viel Hochtonanteil, wie man sie teilweise bei vielen neuen Musikproduktionen mit betontem Bass und Hochton findet, nicht nerven.
Der Pegel im Superhochton reicht sehr hoch und außer der Spitze bei 5 kHz höre ich beim Sweepen keine erwähnenswerten Peaks heraus.
Der Bassbereich kann mächtig Druck und Volumen aufbauen und besitzt einen schönen Körper, ist jedoch nicht ganz so schnell wie der des HD 800, dennoch ist er beim LCD-X greifbarer und spürbarer (das Bassgegrummel bei manchen elektronischen Musikstücken mit mehreren parallel ablaufenden Basslines ist schon recht ansprechend und auch spürbar) bei angepasstem Pegel via EQ, obwohl er nicht das gleiche Niveau an Präzision des HD 800 besitzt, bei dem der Bass schneller ausklingt und fester und präziser zupackt. Von Dröhnen ist der LCD-X-Bass jedoch auch meilenweit entfernt und trotzdem noch fest, bei weniger Trockenheit im Abklang.

Auflösung:

Die Detailauflösung des LCD-X ist hoch, was jedoch nicht unbedingt beim ersten Hören ersichtlich wird.
Dem LCD-X gelingt es, obwohl er schlechte Aufnahmen nicht gnadenlos enttarnt, was an den abgesenkten unteren Höhen liegt, Details fein darzustellen, was er nicht durch Betonungen im oberen Frequenzgang, sondern durch echte Auflösung erreicht. Im ersten Moment wirkt beispielsweise der Sennheiser HD 800, als löse er besser auf, was jedoch nicht so ist: gerade im Hochton erscheint der HD 800 als feinauflösender, was daran liegt, dass er hier ein wenig betont ist.
Beim Hin- und Herwechseln und längeren Vergleichen deckt der LCD-X mehr Microdetails im Hochton auf, präsentiert diese jedoch subtiler durch den leicht zurückhaltenden Pegel im mittleren und oberen Hochton.
Der Unterschied zum HD 800 ist hier aber wirklich nur minimal und der LCD-X liegt nur eine Rasierklingen-Dicke über dem Sennheiser.

Was ich beim LCD-X bemerkenswert finde, ist dass er gelinde ausgedrückt, schlechte Aufnahmen noch immer sehr gut anhörbar macht und keine akustische Lupe sein will.
Alte Led Zeppelin Aufnahmen beispielsweise sind mit dem HD 800 für mich kaum anhörbar, er deckt alles einfach schonungslos auf, während der Audeze diese wunderbar präsentiert, ohne dass ich Probleme habe, ein Album bis zum Ende zu hören, ohne zuvor den Drang zu verspüren, den Kopfhörer abzusetzen oder die CD aus dem Player zu holen. Dies liegt sicherlich hauptsächlich am anderen Sounding, denn Auflösungs-mäßig sehe ich den LCD-X wie gesagt im Hochton eine Messerspitze über dem HD 800.

Räumliche Darstellung:

Die Bühne des LCD-X ist eher klein, jedoch finde ich sie trotzdem noch gut gelungen, denn sie bietet eine gute und authentische Räumlichkeit mit viel Tiefgang und schöner Herausarbeitung der einzelnen Tiefenebenen, zudem ist sie für mich auch zusammenhängender als die des HD 800, welchen ich gerade bei der Darstellung von räumlicher Tiefe als etwas eigenartig empfinde, denn er bietet zwar Tiefgang, jedoch ist dieser für mich nicht wirklich authentisch und wirkt ein wenig unnatürlich gestaffelt und im Verhältnis zur Breite nicht tief genug, was jedoch gerade bei klassischer und elektronischer Musik nicht negativ auffällt und sogar angenehm wirkt.
Was der LCD-X nicht so gut beherrscht, ist akustische Leere zwischen Instrumenten zu vermitteln. Wenn zwischen Instrumenten also beispielsweise leerer Raum/großer Abstand herrscht, hört man diesen beim Audeze kaum heraus, anders beim Sennheiser, der diesen fast schon beängstigend präzise und leer präsentiert, wie auch ein paar meiner höherpreisigen und maßgefertigten In-Ears.

























Fazit:

Der LCD-X ist ein phantastischer Kopfhörer mit moderat bassig-dunklem Klang und sehr hoher Detailauflösung, die man jedoch nicht unbedingt sofort beim ersten Hören bemerkt.
Obwohl der Kopfhörer sehr hoch auflöst, ist er ein im positiven Sinn gemeinter musikalischer Schönfärber und lässt auch schlechte Aufnahmen noch gut klingen. Ein klangliches Seziermesser, das schlechte Aufnahmen gnadenlos enttarnt, findet man mit ihm nicht, das will er auch gar nicht sein, stattdessen bekommt man für den hohen Preis einen musikalisch aufspielenden Kopfhörer mit schönem Basskörper und gutem Schmelz in den Mitten, sowie authentischem Klang, der seine beste Performance meiner Meinung nach noch immer bei rockiger Musik abliefern kann.
Wer hingegen eine breite klangliche Bühne sucht, ist mit dem eher intim, jedoch tief und präzise staffelnden Audeze LCD-X vielleicht nicht so gut beraten. Natürlich muss man auch das hohe Gewicht des Kopfhörers berücksichtigen, das vielen Menschen Probleme beim Hören bereitet - voriges Testen ist hier Pflicht.
Ansonsten sehe ich ihn insgesamt klanglich gleichauf mit dem Sennheiser HD 800, wobei jener im Bassbereich präziser und trockener aufspielt, was der Audeze jedoch durch den besser spürbaren "Basskörper" wieder wett macht.
Beide sind gute Kopfhörer, jedoch klanglich schon ein Stück unterschiedlich (der HD 800 hat beispielsweise eine leichte Badewannenabstimmung mit einem Kleinen Buckel, der sich vom Midbass bis in den Grundton erstreckt und besitzt in den oberen und auch mittleren Höhen ebenfalls eine Betonung, wohingegen der LCD-X einen gleichmäßig angehobenen Bass- und Grundtonbereich, sowie leicht zurückgesetzte Höhen besitzt), weshalb es ratsam ist, sich mehrere Modelle parallel anzuhören und dann denjenigen Kopfhörer zu wählen, der klanglich und preislich am besten zu einem passt.