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InEar StageDiver SD-2: Ein ausgewogen-neutraler In-Ear - [Review] 🇩🇪

Prolog:

Den InEar StageDiver SD-2 habe ich vor mehr als eineinhalb Jahren für 359€ bei Thomann gekauft (mittlerweile beträgt der Preis 379€), hatte also genügend Zeit, mich mit dem Kopfhörer intensiv zu beschäftigen.

Die hessische Firma InEar hat sich auf Audio-Produkte spezialisiert, mit dem Kerngeschäft von In-Ears und Gehörschutz. Anfangs noch für maßgefertigte In-Ears bekannt, begann ein paar Jahre später die Fertigung der StageDiver Serie, welche die Technik der maßgefertigten Modelle in einem universellen, ergonomisch geformten Gehäuse vereint und somit für Menschen, die keine maßgefertigten In-Ears wollen, attraktiv macht. Bereits nach kurzer Zeit erfreuten sich die Produkte international großer Beliebtheit und heute möchte ich euch näherbringen, was ich am StageDiver SD-2 mag und was nicht.

Der SD-2 ist auch bei Amazon erhältlich: http://amzn.to/23VLibt 

SD-2 bei Thomannhttps://goo.gl/qjCqNG


Technische Daten:

System: 2-Wege-System (mit zwei BA-Treibern)
Übertragungsbereich: ca. 20 Hz–18000 Hz
Ausgangsschalldruck: 119 db
Impedanz: 40 Ohm
Kabellänge: 140 cm


Lieferumfang:

Der Lieferumfang des SD-2 fällt doch recht spartanisch aus und ist pragmatisch ausgelegt, mit der Reduktion auf das Wesentliche: eine eigentliche Außenverpackung gibt es nicht, sondern lediglich einen Plastikbeutel, welcher das Pelicase enthält, in welchem sich die In-Ears, drei Paar Silikonaufsätze (mittlerweile anscheinend vier, so sagt es zumindest die Beschreibung auf der Website), ein 6,35 auf 3,5 mm Klinkenadapter und zwei Reinigungstücher befinden.



Optik, Haptik, Verarbeitung:

Wenden wir uns doch erst mal der Aufbewahrungsbox zu: das schwarze Pelicase besitzt außen eine Plakette der Firma, einen Karabinerhaken sowie ein Überdruck-Ventil. Innen ist das Etui allumfassend mit Gummi und Schaumstoff ausgepolstert und bietet genug Platz für die In-Ears und Zubehör. Die Verarbeitung ist hochwertig und das Etui ist extrem stabil, wie von Pelikan gewohnt. Obwohl es etwas größer ausfällt (und nicht Hosentaschen-geeignet ist), würde ich es dennoch als kompakt bezeichnen.

Die In-Ears selbst sind schwarz hochglänzend und anatomisch geformt (für das Gehäuse wurde eine
Vielzahl an Ohrabdrücken aus der Datenbank genommen und anhand derer dann ein Mittelwert für die Form erstellt) und wirken zudem sehr stabil. Die Verarbeitung ist nicht wirklich schlechter als bei meinen maßgefertigten Ultimate Ears Reference Monitors und anderen sehr gut verarbeiteten universellen In-Ears. In meinen recht großen Conchas (Ohrmuscheln) wirken die In-Ears verhältnismäßig klein und füllen diese nicht gänzlich aus, sondern könnten sogar noch einen Tick größer sein; für die meisten Besitzer dürfte die Größe jedoch genau passen. Für kleinere Ohren wird auch eine „S“-Version mit verkleinertem Gehäuse angeboten, welches die gleichen „Innereien“ mit dem gleichen Koppelvolumen für den rückseitig belüfteten BA-Basstreiber besitzt.
InEar setzt bei seinen In-Ears beim austauschbaren Kabel auf das klassische und bewährte 2-Pin Steckersystem, das ich persönlich auch mehr mag als koaxiale MMCX-Verbindungen. Das Silberkabel ist verdrillt, sehr flexibel und gängiger Standard bei hochwertigen und maßgefertigten Modellen (aufgrund von Kunden, die sich über das Kabel beschwerten, da sie nicht wussten, dass Kabel mit einem nicht 100%ig reinen Silberanteil mit der Zeit durch den Hautschweiß oxidieren und grünlich werden, verwendet InEar mittlerweile jedoch schwarze Kabel).


Tragekomfort, Isolation:

Wie zu erwarten war, gestaltet sich der Tragekomfort als äußerst angenehm und sicher. Die In-Ears sitzen sehr bequem in meinen Ohren; Kabelgeräusche gibt es nicht. Übrigens sind die In-Ears dafür ausgelegt, möglichst tief im Gehörgang zu sitzen.

Die Isolation ist sehr gut, da das Gehäuse gänzlich geschlossen ist.


Klang:

Tonalität:

Der SD-2 klingt sehr ausgewogen und man könnte ihn der wärmeren und entspannteren Fraktion der tendenziell neutralen In-Ears zuordnen.
Der Bassbereich ist nur sehr gering mit 2-3 dB [Anmerkung: im Vergleich zum UERM; nimmt man den Etymotic ER-4S als Referenz, sind es an die 4-5 dB] gleichmäßig angehoben und reicht sehr tief, erstreckt sich jedoch auch über den gesamten Grundton und hört erst in den unteren Mitten auf, wodurch der Klang sehr moderat warm wird und Stimmen etwas dunkler und voluminöser werden. Der Mittelton ist allgemein präsent, jedoch wie gerade geschrieben auf der sehr moderat wärmeren/dunkleren Seite.
Der Hochton ist gleichmäßig zurückgesetzt, wenngleich simultan auch sehr glatt und ohne Peaks bis auf eine kleine Betonung noch vor 10 kHz, die jedoch noch immer ein klein wenig unterhalb der Nulllinie liegt. Bis in den Superhochton bleibt der Pegel konstant und es ist erstaunlich, dass es InEar gelungen ist, einen solchen Hochtonumfang ohne Pegelabfall bei über 16 kHz zu generieren.
Durch den recht glatten Hochton ist dieser auch weitestgehend sehr natürlich und Instrumente erscheinen realistisch.
Die tonale Abstimmung ist insgesamt sehr realistisch und Instrumente werden weitestgehend unverfälscht wiedergegeben, wie es sich für einen recht neutralen In-Ear eben gehört. Auch ist es beachtlich, wie gleichmäßig und dadurch realistisch der Hochton ist, was nicht vielen In-Ears so gut gelingt, einschließlich ein paar meiner Modelle um 1000€.

Auflösung:

Für einen Dual-BA In-Ear ist die Auflösung des SD2 sehr gut, kann jedoch leider nicht ganz mit manchen Drei- und Viertreiber-In-Ears im gleichen Preisbereich mithalten (ich denke da an den Westone 4R, Fischer Amps FA-4E XB und Logitech UE900).
Die Detailauflösung ist wirklich sehr ordentlich und auch oberhalb des Shure SE425 einzuordnen, kann jedoch, wie gesagt, mit den anderen, gerade erwähnten In-Ears, nicht vollkommen mithalten, was man besonders bei schneller und komplexer Musik merkt. Mittelpreisige In-Ears mit dynamischem Treiber werden hingegen deutlich geschlagen und die Detailauflösung ist wirklich bei weitem nicht schlecht, jedoch auch nicht überragend, sondern lediglich „etwas besser als gut“ in Anbetracht der Konkurrenz – für den Preis erwartet man manchmal etwas mehr und andere Hersteller zeigen, dass es noch etwas besser und feiner geht; auf der anderen Seite jedoch besitzen die meisten jeder anderen In-Ears trotz der teils technischen Überlegenheit andere, stärker ausgeprägte Schwächen im Klangbild.
Was der SD-2 sehr gut kann, sind Homogenität und Natürlichkeit. Diese beiden Attribute gleichen die den anderen In-Ears etwas hinterherstehende Auflösung dann auch größtenteils wieder aus. Der In-Ear von InEar klingt natürlicher als der Shure, was an den weniger stark, jedoch noch immer etwas betonten Mitten liegt, sich jedoch insbesondere im deutlich besseren Hochtonumfang äußert – etwas, das dem Shure ganz klar fehlt, denn bei diesem klingen Besen, Becken und Hi-Hats einfach unnatürlich und bedämpft aus, ganz anders als beim SD-2, der hier natürlich, wenngleich durch den etwas zurückgesetzten Hochton auch ein wenig entschärft daherkommt, was ihn für viele jedoch zu einem guten und langzeittauglichen In-Ear machen wird (so auch für mich).
Ein wenig Probleme habe ich persönlich jedoch mit dem back-vented BA-Bass: zwar spielt dieser recht präzise und besitzt eine sehr schöne, feinzeichnende Kontur mit einem natürlichem Körper und Ausklang, ist mir persönlich jedoch für einen BA-Treiber etwas zu weich im Einschlag. Dies soll jetzt jedoch nicht bedeuten, dass er langsam wäre, denn dies ist er keineswegs und man merkt die höhere Geschwindigkeit mit der besseren Kontrolle als bei einem dynamischen Treiber, jedoch spielt er weniger fest als der (geschlossene) BA-Bass des SE425 und auch klar weicher als die beiden back-vented BA-Basstreiber des FA-3E oder UE900, welcher hier schön zeigt, dass rückseitig belüftete BA-Treiber, welche das Koppelvolumen im In-Ear-Gehäuse zur akustischen Abstimmung mit nutzen, auch sehr fest und schnell spielen können – diese Schnelligkeit/Festigkeit fehlt mir dann doch ein wenig beim Bass des SD-2, welcher gerade bei schnellen Musikstücken (insbesondere bei Elektronischem) zu weich für einen BA-Bass spielt und auch etwas an Kontrolle einbüßt.
Wer den typisch „klinischen“ BA-Bass als zu steril empfindet und einen eher körperhaften, dynamischen Tiefton sucht, wird sicherlich nichts am Bass des InEar zu kritisieren haben, jedoch, ich will es nochmal erwähnen, ist der Tiefton des SD-2 wirklich keineswegs schlecht, wirklich langsam oder gar dröhnend, sondern lediglich etwas weicher als bei anderen In-Ears mit BA-Bass und eher mit einem sehr guten dynamischen Bass von hybriden In-Ears vergleichbar.

Positiv kann man dem SD-2 hier anrechnen, dass er über das ganze Frequenzspektrum gleichmäßig gut auflöst, anders als etwa der UE900 oder Westone W4R, beides In-Ears, bei denen der Mittelton sogar mit Einsatz eines Equalizers im Vergleich zu den Höhen und Bässen ein wenig verhangen und detailarm klingt.

Räumliche Darstellung:

Bis zu diesem Zeitpunkt könnte man annehmen, der SD-2 sei vielleicht für die gebotene Leistung trotz der exzellenten Verarbeitungsqualität etwas zu teuer, doch alle negativen Punkte werden nun von den Kernkompetenzen des In-Ears förmlich weggeblasen und man versteht, weshalb der aufgerufene Preis definitiv nicht im Geringsten zu hoch gegriffen ist:
Neben der extrem hohen Natürlichkeit zeichnet den In-Ear von InEar eine wirklich präzise und räumliche Bühnenwiedergabe mit einem tollen Layering und einer guten Instrumentenplatzierung aus.

Die Bühne ist sehr weitläufig sowie gleichzeitig auch tief und generiert einen großen und äußerst dreidimensionalen Raum. Das Layering/die Tiefenstaffelung, also die Fähigkeit, einzelne Schichten in der Tiefenebene herauszuarbeiten, gelingt dem SD-2 extrem gut und präzise, wodurch diese just erwähnten Schichten präzise abgestuft in der Tiefe aufgereiht werden. Die Lokalisation von Instrumenten gelingt durch die gute Platzierung ebenfalls sehr gut.
In diesem Preisbereich wird die Bühnendarstellung des InEar SD-2 von nur sehr wenigen anderen In-Ear in Sachen Dreidimensionalität annähernd erreicht, um es auf den Punkt zu bringen. Diese authentisch generierte Räumlichkeit des deutschen Dual-BA In-Ears findet man eigentlich erst bei besseren maßgefertigten In-Ears jenseits der 1000€, wobei mein UERM noch etwas weitläufiger und losgelöster spielt und eine bessere Instrumentenseparation besitzt, dafür jedoch auch wesentlich mehr kostet.


Fazit:

Von all meinen In-Ears gab es zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nur zwei Modelle, bei denen ich beim ersten Hören Tränen aufgrund der realistischen und natürlichen Spielweise in den Augen hatte – und einer davon war der InEarStageDiver SD-2. Eine solche Authentizität,
Realität und räumliche Bühnendarstellung mit echter Tiefe habe ich hier zum ersten Mal bei einem universellen In-Ear mit BA-Treibern in diesem Preisbereich gehört. Nach meinem ersten Kontakt mit dem UERM vor ein paar Jahren (dem ersten In-Ear, der mich durch seine Authentizität und Bühne zu Tränen rühren konnte) war dies nun also das zweite Mal, dass mich ein ausgewogen spielender In-Ear durch seine Bühne und besonders durch den natürlichen Klang überzeugen konnte. Diese Natürlichkeit und große, jedoch realistische Bühne sind es, die mich den SD-2 trotz seines etwas zu weichen Basses und der geringeren Kontrolle bei schnellen und komplexen Musikstücken sowie der Detailauflösung, die für den Preis nicht die allerbeste ist (im Vergleich zu Triple- und Quad-Driver In-Ears, denn der SD-2 gehört definitiv zu den besten Dual-Drivern), dennoch lieben lassen.
Und genau deshalb ist er meiner Ansicht nach ein sehr guter In-Ear und jeden Cent wert.

Somit erreicht der In-Ear von InEar in meiner Wertung 94% oder 4,5 von 5 möglichen Sternen - nur ein etwas festerer Bass wäre manchmal wünschenswert.