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LEAR LHF-AE1d: ein formidabler und versatiler dynamischer In-Ear - Review 🇩🇪

Prolog:

Vor Beginn meines eigentlichen Reviews möchte ich mich bei LEAR (http://www.LEAR-eshop.com/) und insbesondere dem kreativen Kopf hinter der Firma, Tatco Ma, für das Arrangieren eines LHF-AE1d für meine ehrliche Einschätzung bedanken.

LEAR, 2008 in Hongkong gegründet und von der Hong Kong Forever Source Digital, einem der größten lokalen Einzelhändler für portables Hi-Fi, geführt, erlangte recht schnell Bekanntheit und Ansehen in audiophilen Kreisen. Zu Recht, wie sich 2014 zeigte, denn die Arbeit des aufstrebenden Herstellers von universellen und maßgefertigten In-Ears für den professionellen und Hi-Fi-Bereich wurde von Mediazone, einem renommierten Herausgeber internationaler Business-Magazine, mit dem „Hong Kong's Most Valuable Companies Award 2015“ belohnt.

Sieht man sich die Kennwerte des LEAR LHF-AE1d an, kann man sich schon denken, gegen welchen anderen In-Ear ich den Chinesen in diesem Review antreten lasse.
Wie auch der Sennheiser IE 80 besitzt der LHF-AE1d einen dynamischen Breitbandtreiber, dessen Bass sich mittels einer sich im Gehäuse befindenden Schraube nach eigenen Vorlieben anpassen lässt; des Weiteren befinden sich beide In-Ears im gleichen Preisbereich.
Bevor ich schließlich zu meinem eigentlichen Review übergehe, möchte ich noch geschwind die Bedeutung des Namens „LHF-AE1d“ erläutern, denn die Buchstaben ergeben sinnvollerweise: „L“EAR, “H“ybrid, “F“it Series, “A“djustable, „E“xchangable, 1 „d“ynamic driver. „Hybrid Fit Series“ weist darauf hin, dass der In-Ear sowohl mit regulären Silikon-Aufsätzen als auch mit einer separat von Lear erhältlichen, maßgefertigten Otoplastik verwendet werden kann, wozu auch ein zweites Paar Schallröhrchen im Lieferumfang inkludiert ist, woraufhin auch „Exchangable“ hinweist. „Adjustable“ bezeichnet die Möglichkeit, den Bassbereich mittels der Schraube anzupassen und „1 dynamic driver“ muss wohl nicht näher erklärt werden.



Technische Daten:

Schallwandler: dynamisch, 10 mm CCAW, 5µ Dicke, Neodym-Magnet
Frequenzgang: 20 Hz ~ 20 kHz
Impedanz: 33 Ohm (bei 1 kHz, Bassschraube komplett offen)
Empfindlichkeit: 110 dB (bei 1 kHz, Bassschraube komplett offen)


Lieferumfang:

Geliefert wird der LHF-AE1d in einer schlichten schwarzen Karton-Verpackung, welche auf der Vorder- und Rückseite ein silberfarbenes, glänzendes LEAR-Logo besitzt.
Der Inhalt ist ordentlich und umfasst neben den In-Ears, welche in einer stabilen, mit grünem Gummi gepolsterten Kunststoff-Box mit schwarzer soft-touch Oberfläche geliefert werden ein Reinigungstuch sowie einen Schraubendreher zum Einstellen der Bassmenge, ein zusätzliches Paar an kurzen Schallröhrchen* und schließlich 10 Paar Aufsätze (3x Schaumstoff, 2x Silikon mit grünem Kern, 3x Silikon (in zwei Größen), 1x Doppel-Flansch, 1x Dreifach-Flansch).









Optik, Haptik, Verarbeitung:

Die recht leichten In-Ears besitzen eine spiegelnde Oberfläche im dunklen Chrom-Look, sind richtig
gut verarbeitet und fühlen sich sehr stabil an; hier gibt es also nichts zu kritisieren. Im Gehäuse befindet sich die nach innen versetzte Schraube zum Verstellen des Basses, dazu gibt es noch eine klassische 2-Pin Steckverbindung für das austauschbare Kabel, welches vieradrig verdrillt und flexibel ist, sich sehr gut anfühlt und in dieser Form auch bei vielen hochwertigen maßgefertigten In-Ears Verwendung findet.
Die Schallröhrchen und deren Gewinde-Gegenstücke sind aus Metall gefertigt und farblich codiert, da die Richtung, in welche man sie hineinschraubt, auf beiden Seiten unterschiedlich ist.
Auch das mitgelieferte Aufbewahrungsetui ist sehr vorbildlich, denn es ist wasserdicht, sehr stabil, bietet genügend Platz im Inneren und ist auch weich ausgepolstert.






Tragekomfort, Isolation:

Das Gehäuse der In-Ears ist sehr ergonomisch geformt und der Form der Concha nachempfunden, wodurch der LHF-AE1d sehr angenehm und stabil in den Ohren sitzt und durch das geringe Gewicht auch nicht auffällt. Die professionelle Kabelführung über den Ohren, die ich persönlich auch bevorzuge, verbessert den ohnehin schon sehr guten, bequemen sowie sicheren Sitz und eliminiert Kabelgeräusche sogar gänzlich.

Dass der In-Ear aufgrund seines nicht gänzlich geschlossenen Gehäuses nicht ganz so gut wie gänzlich geschlossene Modelle isoliert, sollte von vornherein klar sein, doch ist die gebotene Geräuschisolation etwas besser als nur Mittelklasse und schlägt den kaum isolierenden IE 80, meinen Antagonisten für dieses Review, recht merklich.


Klang:

Meine überwiegenden Klangtests fanden am iBasso DX90 mit FLAC, WAV, Hi-Res und hochwertigen MP3-Dateien statt.

Tonalität:

Durch die Bassschraube, welche hier auch wirklich einen großen Einfluss auf die Tonalität hat, gibt
es verschiedene Möglichkeiten, den Klang zu beschreiben, denn dieser reicht von „sehr ausgewogen“ bis hin zu „mächtig basslastig“. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, die Tonalität in vier Teile zu gliedern, nämlich „Bassschraube bei vier Punkten“ (was die werksmäßige Standard-Einstellung ist), „Bassschraube gänzlich geschlossen“, „Bassschraube gänzlich offen“ und „Vergleich mit dem Sennheiser IE 80“ (wobei sich die Bassschraube im oberen Drittel befand).

Bassschraube bei vier Punkten:

In dieser Einstellung ist der Klang doch recht überraschend ausgewogen, mit einem etwas zurückgesetzten Hochton, jedoch ohne wirklich warm oder dunkel zu klingen.

Die werksmäßig eingestellte Position erweist sich als überraschend gemäßigt und zurückhaltend, mit einer Bassbetonung, welche im Vergleich zu einem strikt linear abgestimmten In-Ear etwas über ~ 4 dB nicht überschreitet. Der Bassbereich ist hierbei angenehm gleichmäßig angehoben und reicht ohne nennenswerten Pegelabfall bis in die unteren Gefilde des Tiefbasses. Nach oben hin erstreckt sich die Betonung des Basses bis in den mittleren Grundton, was den Tiefen eine leichte Wärme verleiht.
Die Mitten kommen ziemlich auf den Punkt genau, sind jedoch etwas dunkler als neutral*, obwohl die unteren Höhen ein wenig betont sind.
Der darauf folgende Hochton befindet sich etwas im Hintergrund, kommt jedoch bereits nach 2 kHz ohne merkliche Senken, wodurch auch nichts fehlt. Insgesamt sind die hohen Frequenzen auch recht ausgewogen und gleichmäßig und frei von Spitzen oder Senken, wodurch sie äußerst natürlich klingen.
Im Superhochton reicht der Pegel noch recht weit nach oben.

Bassschraube gänzlich geschlossen:

Der Hochton wird hier nicht beeinflusst, erscheint aufgrund des geringeren Basses jedoch subjektiv präsenter.
Bei gänzlich geschlossener Bassschraube wird der Bassbereich hörbar abgesenkt. Im oberen Midbass, Kickbass und Grundton bleibt eine äußerst moderate „Betonung“ von etwas über einem dB (also weniger als zuvor) vorhanden, Mid- und Tiefbass hingegen klingen klar neutraler und vielleicht sogar eine Nuance unterpräsent.
In dieser Einstellung kann man den Klang als eine leicht relaxte Adaption von neutral ansehen.

Bassschraube gänzlich offen:

Bassheads kommen hier voll auf ihre Kosten: mit der gänzlich geöffneten Bassschraube ist es möglich, eine gewaltige Basswand zu erzeugen, deren Pegel sogar den des IE 80 noch überschreitet.
Die Betonung überstrahlt trotz ihrer Intensität den Mittelton dabei erfreulicherweise nicht so sehr wie erwartet, trotz des merklich präsenteren Grundtons, der nun auch etwas in die unteren Mitten strahlt, jedoch vom Bassbereich in den Grundton gleichmäßig abschwellend übergeht, weshalb die Mitten noch verhältnismäßig relativ unbelastet bleiben. Bedingt durch die starke Betonung geht der Hochton jedoch leider auch etwas unter.

Vergleich mit dem Sennheiser IE 80:

Der IE 80 besitzt einen sehr warmen Klang, was am breitbandig stark angehobenen Grundton liegt, welcher in die Mitten hineinstrahlt, welche dunkel, warm und voluminös daherkommen. Beim LEAR ist dies glücklicherweise nicht der Fall, auch wenn man die Bassschraube im oberen Drittel hat. Der Grundton ist weitaus weniger präsent und fällt auch früher und gleichmäßiger gen Mitten ab, wodurch der LHF-AE1d deutlich weniger warm ist und auch die merklich weniger dunklen Mitten besitzt. Im Hochton ist der Sennheiser in den unteren und mittleren Höhen weniger stark präsent, besitzt dafür jedoch bei ca. 7-8 kHz einen steil ansteigenden Peak, welcher ihm den nötigen Ausgleich zur Bassbetonung verschafft. Obwohl der LEAR in den unteren und mittleren Höhen mehr Pegel besitzt, wirkt er dennoch dunkler im Hochton, da bei ihm der Bereich um 7-8 kHz gleichmäßig und weniger stark vorhanden ist.

Auflösung:

Hier will ich nicht lange herummachen, sondern rasch zur Kernaussage kommen: die Auflösung des LEAR befindet sich klar über der des IE 80 und schlägt diesen zusätzlich noch in Sachen Natürlichkeit.
Feine Details in der Musik deckt der LHF-AE1d einfach hörbar besser auf. Durch den ebeneren Frequenzgang und den Hochton, der ebenfalls sehr gleichmäßig und ohne große Senken oder Erhebungen daherkommt, klingen Instrumente einfach viel natürlicher und realistischer.
Obwohl sich der Bass auch auf der weichen und langsam ausklingenden Seite befindet, ist er schneller als beim IE 80, was sich insbesondere bei Double- und Triple-Bässen bemerkbar macht, welche beim Sennheiser wie ein einheitlicher Matsch klingen, beim LEAR jedoch als solche noch erkennbar sind, auch wenn etwas mehr Geschwindigkeit nicht schaden würde, obwohl ein schöner Körper mit einer guten Textur vorhanden ist.
Positiv beim LHF-AE1d kann man noch erwähnen, dass der Tiefton gen Tiefbass nicht stärker aufweicht.
Bei sehr schnellen Musikstücken knickt der LEAR zwar nicht ein, spielt jedoch etwas angestrengter und kann nicht das Niveau und die Dynamik von Balanced Armature In-Ears erreichen. Bei langsamen und mittelschnellen Musikstücken hingegen ist alles fein.
Auch bei vollständig geöffneter Bassschraube neigt der Tiefton nicht zu sehr zum Dröhnen, obwohl er weniger präzise daherkommt (wenngleich noch klar schneller und fester als beim IE 80 ist) und man dann in Sachen genereller Auflösung Abstriche machen muss.

Räumliche Darstellung:

Eine solch riesige Bühne wie der IE 80 spannt der LHF-AE1d zwar nicht auf, wirkt jedoch auch keineswegs eingeengt.
Die seitliche Ausdehnung ist etwas besser als gutes Mittelmaß; die Balance zwischen Breite und Tiefe ist recht gut und der LEAR generiert eine glaubhafte räumliche Tiefe mit ordentlichem Layering. Die Instrumentenseparation befindet sich auf einem guten Niveau und übertrifft die des Sennheiser, welchem jedoch aufgrund der größeren Ausdehnung eine etwas freiere Instrumentenplatzierung gelingt, welche dann aber nicht so präzise abgegrenzt wie beim LEAR erscheint. Auch bei schnellen Musikstücken bricht die Bühne des LHF-AE1d nicht wirklich ein, sondern bleibt recht unangestrengt und konstant.


Fazit:


LEAR ist mit dem LHF-AE1d ein wirklich guter In-Ear mit dynamischem Treiber gelungen, der seinen direkten Konkurrenten klar aussticht und auch andere Modelle mit dynamischem Treiber (z.B. RHA T20) im gleichen Preisbereich in der Summe seiner Eigenschaften schlägt.
Die Bassschraube ist ein wirksames Feature und lässt viele Schritte zwischen einem relaxt ausgewogen-neutralen bis hin zu einem massiv basslastigen Klangbild zu, weshalb mit einem In-Ear eine große Bandbreite an Geschmäckern und Einsatzgebieten abgedeckt werden kann.
Der gesamte Klang ist räumlich, hochauflösend und wirkt insbesondere sehr natürlich, da der Frequenzgang recht eben ist und keine nennenswerten Peaks oder Senken aufweist.

Die hochwertige Verarbeitung, der hochauflösende, natürliche, räumliche Klang und die gute Versatilität bescheren dem In-Ear eine Top-Bewertung in der A-Wertung, die lediglich in der Haltungsnote durch den Bass, der ein wenig mehr Festigkeit vertragen könnte, ein wenig getrübt wird, sich jedoch nicht groß negativ auf das Endergebnis auswirkt, welches sehr gut ist.
Kurzum: der LHF-AE1d ist ein vielseitiger dynamischer In-Ear zu einem guten Preis und verdient locker 4,75 von 5 möglichen Sternen.


/edit 24.03.2016: Erst jetzt habe ich herausgefunden, dass es sich bei den kurzen Schallröhrchen um die "Upgrade-Nozzles" handelt, die, im vergleich zu den längeren Standard-Schallröhrchen, die etwas wärmer als neutrale Mitten haben, im Mittelton nun heller klingen und auch etwas Hochtonbrillanz addieren (jedoch nicht zu viel, nur gerade die richtige Menge), wodurch Stimmen nun tonal richtiger klingen, ihren entspannten Charakter jedoch beibehalten. Wer ein Fan tonal ziemlich korrekter statt etwas wärmerer Mitten ist, sollte den Kauf der Upgrade-Nozzles definitiv in Betracht ziehen (und da ich dies nun weiß, liebe ich diesen In-Ear, der einer meiner liebsten dynamischen Single-Driver ist, noch mehr als zuvor). Die einzigen Nachteile dieser Schallröhrchen bestehen darin, dass nicht mehr alle Aufsätze passen (die einfach-Flansch Silikonaufsätze aus dem Lieferumfang passen jedoch noch gut) und etwas lockerer sitzen und dass der LHF-AE1d nicht mehr so tief wie zuvor im Ohr sitzt.

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