Translate

Earmax ER610: Verarbeitung top, Klang eher flop - Review 🇩🇪

Prolog:

Bevor ich mit meinem eigentlichen Review beginne, möchte ich mich bei Yele Trading Shanghai für das Bereitstellen eines Exemplares des Earmax ER610 (aliexpress.com/item/Earmax-ER610-knowles-Dual-Balanced-Armature-Type-Inner-ear-headphones/32389546484.html) im Austausch für meine ehrliche Meinung bedanken.


Technische Daten:

Preis: ~ 25$/24€
Treiber: Balanced Armature (zwei Treiber je Seite, ein Weg)
Frequenzgang: 20 – 18000 Hz
Impedanz: 23 Ohm
Empfindlichkeit: 125 dB
Kabel: 1,2 m, versilbert


Lieferumfang:

Die Earmax In-Ears kommen in einer Pappschachtel, auf welcher sich (bis auf die Unter- und Rückseite) auf allen Seiten Earmax Logos befinden. Auf der Oberseite befindet sich ein Aufkleber mit den technischen Daten.
In einer Plastiktüte eingeschweißt befinden sich im Inneren dieses Kartons die In-Ears sowie das Zubehör, welches aus einer Garantiekarte, einem schönen und stabilen Aufbewahrungsetui (wirklich toll bei dem günstigen Preis), drei Paar guten weißen Silikonaufsätzen (welche in ihrer Beschaffenheit denen der Apple In-Ears gleichen) als auch schließlich zwei Paar hochwertigen (gleich großen) Schaumstoffaufsätzen besteht.

Der Lieferumfang und die Qualität des mitgelieferten Zubehörs sind sehr gut und mehr, als man üblicherweise bei einem solch geringen Preis bekommt.



Optik, Haptik, Verarbeitung:

Beginnen wir mal mit dem (versilberten) Kabel: dieses ist sehr flexibel, wirkt sehr stabil und besitzt einen guten Knickschutz. Sieht man genauer hin, kann man erkennen, dass die einzelnen Litzen verdrillt und dann mit semi-transparentem Gummi überzogen wurden, was jedoch etwa deutlich besser als bei den federartigen Kabeln von SoundMAGIC oder dem Brainwavz M3 gemacht wurde.
Der 3,5 mm Klinkenstecker sowie der Y-Splitter mitsamt des Kinnschiebers bestehen aus Edelstahl, wie auch das gesamte Gehäuse der In-Ears, welche allgemein sehr gut verarbeitet und robust wirken und deren „Faceplate“ zum einfacheren Positionieren und Einsetzen etwas konkav ist – optisch sowie haptisch und die Verarbeitung betreffend bekommt man hier definitiv keinen In-Ear, welcher nur nach einem 25€-Produkt aussieht; dazu kommen noch die richtig guten Aufsätze und das praktische Aufbewahrungsetui.








Tragekomfort, Isolation:

Die In-Ears sind etwas schwerer als üblich, sitzen jedoch bequem und lassen sich sehr einfach sowohl mit dem Kabel nach unten als auch über den Ohren tragen. Durch den Kinnschieber lässt sich die Mikrofonie gut regulieren und reduzieren, wenn man das Kabel nach unten trägt, verschwindet jedoch gänzlich, wenn man es über den Ohren geführt trägt.
Die mitgelieferten „Apple“ Aufsätze tragen zu dem sehr guten Tragegefühl bei.

Die Gehäuse der In-Ears sind gänzlich geschlossen, folglich ist die Geräuschisolation hervorragend.


Klang:

Als hauptsächliche Zuspieler dienten mir der LH Labs Geek Out IEM 100, HiFiMe 9018d sowie der iBasso DX80. Das Musikmaterial lag hauptsächlich im FLAC-Format vor.

Etwas ungewöhnlich ist, dass je Hörerseite zwei BA-Treiber zum Einsatz kommen, welche jedoch in Ein-Wege-Konfiguration laufen.

Zum Hören habe ich die großen, mitgelieferten weißen „Apple“-Aufsätze verwendet.

Tonalität:

Die Beschreibung auf der AliExpress-Produktseite sagt bereits, dass die im Earmax ER610 verbauten BA-Treiber eigentlich für Hörgeräte gedacht sind – das kann man teilweise auch hören, denn abgesehen vom etwas limitierten Tonumfang ist der Mittelton die größte Stärke der Tonalität, obwohl die In-Ears nicht unbedingt mittenlastig abgestimmt sind – aber lest am besten selbst:

„Neutral mit vordergründigen Mitten“ beschreibt die Tonalität des ER610 wohl am besten und der günstige Dual-Driver teilt sich damit ein paar Eigenschaften mit dem Shure SE425 und Etymotic ER-4S, auf die ich jedoch erst nach der allgemeinen Analyse eingehen werde.

Der Tiefton ist sehr neutral gehalten, beginnt jedoch auch bereits ab 80 Hz, hin zu 20 Hz gleichmäßig leicht abzurollen (20 Hz sind um 7 dB leiser als 80). Um 200 Hz gibt es eine ganz minimale Betonung von vielleicht 1 dB (Menschen ohne einen strikt neutrale In-Ear wie etwa den Etymotic ER-4S werden diese vielleicht nicht einmal wahrnehmen und die In-Ears vielleicht sogar fälschlicherweise als unterpräsent im Bass bezeichnen, was jedoch nicht wirklich zutrifft).
Weiter geht es mit dem Mittelton: dieser ist recht präsent, da der Pegel von 900 Hz an anzusteigen beginnt und sich gen 2 kHz immer weiter steigert, wo dann auch der Höhepunkt liegt. Stimmen klingen tonal zwar korrekt, jedoch auch etwas erdrückend (vergleichbar mit dem Shure SE425).
Nach 2 kHz ist leider mehr oder minder Schluss – zwar stellt der Earmax noch Hochton bereit, doch befindet sich dieser um ca. 15 dB im Hintergrund und hört nach etwa 9 kHz auch auf (im Superhochton sucht man vergebens Pegel).

Wie ich schon anfangs schrieb, ist der ER610 dem Etymotic ER-4S tonal in manchen Bereichen ähnlich – zumindest bis der Hochton beginnt.
Im Tief- und Midbass ist der ER-4S präsenter als der Earmax – nicht verwunderlich, so rollt der Etymotic gen Tiefbass auch nicht wirklich ab. Bei 200 Hz ist der Earmax minimal vordergründiger. In den Mitten beginnen beide gleich, doch steigt der ER610 bei 1,5 kHz stärker an und besitzt eine Spitze vor 2 kHz, weswegen Stimmen zwar in meinen Ohren tonal korrekt, jedoch etwas aufdringlich wirken – dieser Effekt wird vom direkt darauf folgenden, klar zurückgesetzten Hochton nochmals verstärkt; und dadurch ähnelt er hier für mich in den Höhen dem Shure SE425, jedoch mit noch weniger Pegel.

Ich habe von vielen Besitzern des ER610 gehört, dass sie ihn nicht im Geringsten mochten – teilweise kann ich das verstehen, denn für die meisten wird er „langweilig“ klingen und hat dazu noch aufdringliche „in your face“ Mitten – den SE425 und ER-4S mögen auch einige Menschen nicht, was ich persönlich gerade beim letzteren definitiv nicht für mich selbst sagen kann (den Shure mag ich zwar größtenteils, finde seinen Hochton jedoch nicht präsent genug).

Musik kann man mit dem ER610 also schon hören, nur muss man sich dabei von einer consumer-orientierten Klangsignatur lossagen und ebene einen recht neutralen Bassbereich mit etwas abfallendem Pegel gen Tiefbass sowie vordergründige Mitten und einen zurückgesetzten Hochton in Kauf nehmen.
Ich muss ganz ehrlich sagen, als Fan eines eher neutralen Klanges mag ich den ER610 zu 65% - jedoch könnte auch für mich der Mittelton weniger aufdringlich und der Hochton präsenter sein – eigentlich schade, denn in einer echten Zwei-Wege Konfiguration wäre ein weniger steiler Abfall im Hochton sicher möglich gewesen.

Auflösung:

BA-typisch löst der ER610 gut auf und besitzt auch bei  niedrigen Abhörlautstärken eine sehr hohe Sprachverständlichkeit. Im Hoch- und Tiefton wirkt die Auflösung nicht ganz so hoch wie im Mittelton, ist dennoch gut und Bässe schlagen schnell, trocken und fest ein.
Man hört hier schon heraus, dass die hier verwendeten BA-Treiber eigentlich für Hörgeräte vorgesehen sind, denn mit Hörbüchern und Filmen machen die ER610 eine deutlich bessere Figur als mit Musik, auch wenn ich sie auch eingeschränkt dafür gut finde.

Räumliche Darstellung:

Typisch Single-BA ist der Klang zusammenhängend. Die imaginäre Bühne der In-Ears ist sehr klein (kleiner etwa als beim Shure SE425), bietet jedoch noch räumliche Tiefe und kann dadurch mit einer guten Platzierung im (begrenzten) Raum erreichen und besitzt eine präzise sowie genaue Instrumententrennung mit guter Staffelung.


Fazit:


Die Earmax ER610 bieten eine perfekte Verarbeitung, hochwertige Ohraufsätze und eine hohe technische Stärke zu einem äußerst geringen Preis. Die Auflösung befindet sich auf einem hohen Niveau und überbietet problemlos dynamische In-Ears in diesem Preisbereich, doch ist die tonale Abstimmung teils recht misslungen. Zwar ist die generelle Abstimmung recht neutral gehalten (für manche zu langweilig), doch sehe ich zwei Probleme (den abrollenden Tiefton zähle ich nicht dazu): die Mitten sind recht aufdringlich, was nicht gerade für eine gute Langzeittauglichkeit sorgt, zudem ist der Hochton direkt nach den „in your face“-Mitten stärker zurückgesetzt, was den Eindruck des plärrigen Mitteltons verstärkt. Ein wenig ist der ER610 also eine missratene Version des Shure SE425 in günstig (an die Auflösung des Shure reicht die des Earmax natürlich nicht heran).
Eigentlich hätte der ER610 ein perfekter In-Ear bei dem Preis werden können – doch durch den Übergang vom Mittel- in den Hochton versaut sich der Ohrhörer seine Performance etwas. Wer wie ich am Shure SE425 und Etymotic ER4S Gefallen findet, wird sich wohl auch mit dem ER610 einigermaßen anfreunden können, doch ist der In-Ear nichts Halbes und auch nichts Ganzes.
Technisch und verarbeitungstechnisch sowie die Isolation betreffend ist der ER610 richtig gut, abstimmungsmäßig teils-teils. Für Filme und Hörbücher ist der Earmax etwas besser geeignet.

Klanglich holt sich der ER610 somit noch objektiv betrachtet die Hälfte der Punkte und punktet vollends bei der Verarbeitung und Sprachverständlichkeit, was zu einem noch halbwegs vernünftigen Ergebnis von 45% oder 2,25 von 5 Sternen führt.

GearBest