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ORIVETI PRIMACY: ein vielversprechender neuer Hybrid mit "unspektakulärem" Klang - [Review] 🇩🇪



Prolog:

Bevor ich mit meinem Review beginne, möchte ich mich bei ORIVETI für das Bereitstellen eines Exemplars der PRIMACY In-Ears (http://www.oriveti.com/#!earphones/qhbta) im Austausch für meine ehrliche Einschätzung bedanken.

Mit dem Gründungsjahr 2015 ist ORIVETI eine noch recht neue Firma auf dem Markt, die jedoch Mitglieder in ihrem Team hat, welche seit mehr als 10 Jahren erfolgreich in der Branche tätig sind – deshalb ist es nicht arg verwunderlich für mich, dass die PRIMACY In-Ears ein sehr gelungenes Produkt geworden sind, dazu jedoch mehr in meinem Review.


Technische Daten:

Treiber: 2x Balanced Armature + 1x 8,6 mm dynamisch
Impedanz: 11 Ohm
Frequenzgang: 20 - 20000 Hz
Empfindlichkeit: 107 +/- 9 dB/mW @1000 Hz
Verzerrungen: < 1%
Kabellänge: 1,2 m


Über hybride In-Ears:

Wie man den technischen Daten bereits entnehmen kann, unterscheidet sich der PRIMACY von den meisten gängigen In-Ears und setzt nicht lediglich auf dynamische oder Balanced Armature Schallwandler, sondern kombiniert beide – bei ihm handelt es sich um einen hybriden In-Ear, einer in den letzten Jahren vermehrt aufkommenden Bauweise.

Die meisten In-Ears verwenden dynamische Treiber für die Audiowiedergabe. Diese haben den Vorteil, ohne allzu großen Aufwand das gesamte für den Menschen hörbare Frequenzspektrum abzudecken und ebenfalls ohne große Mühe einen stark angehobenen Bassbereich zu erzielen. Hochwertigen dynamischen In-Ears wird allgemein ein körperhafter, musikalischer Bassbereich nachgesagt, der im Ausklang jedoch meist eher weich als hart und analytisch ist. Im Gegensatz zu anderen Wandlerprinzipen besitzen dynamische Treiber jedoch meist auch eine etwas niedrige Detailauflösung.

Im höherpreisigen und professionellen Bühnenbereich findet man fast nur In-Ears mit Balanced Armature Treibern vor, welche in der Regel eine höhere Auflösung als ihre dynamischen Konsorten besitzen und sehr detailreich, schnell, präzise und auch sehr pegelfest aufspielen, was insbesondere für Bühnenmusiker von Bedeutung ist. Auf der Schattenseite steht, dass ein einzelner BA-Treiber kaum oder nur mit größerem Abstimmungsaufwand den größten Teil des hörbaren Frequenzspektrums abdecken kann und dabei nur mit größerem Aufwand, wie mehreren und voluminösen Treibern für den Tiefton in der Lage ist, extremere Betonungen zu erzielen. Einige Menschen empfinden den Klang von In-Ears mit BA Treibern auch als analytisch, leblos, klinisch oder kalt (in meinen Jahren der Mitgliedschaft, Reviews und Kaufberatung in einem großen deutschen Onlineforum für Audio sind mir diese Begriffe schon mehrfach in Bezug auf die Wahrnehmung von BA-basierten In-Ears, insbesondere bezogen auf den Tiefton,  begegnet).

Hybride In-Ears vereinen die positiven Aspekte aus beiden Welten und setzen auf einen dynamischen Schallwandler für die tiefen Frequenzen und mindestens einen BA Wandler für die mittleren und hohen. Dadurch bleien der Körper und der oft als „musikalisch“ beschriebene Charakter des dynamischen Basses und die Detailauflösung und Präzision des Balanced Armature Mittelhochtöners erhalten – und auf genau diese hybride Technologie setzt ORIVETI mit seinem PRIMACY und spricht damit diejenigen an, welche den klinisch-schnellen Bass eines BA-Treibers als unnatürlich empfinden, jedoch die Auflösung, Schnelligkeit und Präzision in den Mitten und Höhen beibehalten wollen.


Lieferumfang:

Dass es sich bei den ORIVETI PRIMACY um Premium In-Ears handelt, merkt man gleich von Anbeginn, mit der Verpackung startend und sich in dem schichtweise aufgebauten Schaumstoff in der quadratischen Box mit ihrem Lieferumfang fortsetzend.

Die Außenseite der Verpackung gestaltet sich gänzlich schwarz und zeigt auf der Front ein großes, glänzendes Bild der linken Hörerseite mit angebrachtem Kabel sowie Foam-Aufsätzen, dazu enthält sie in grauer Schrift ausgeführt den Hersteller- und Produktnamen sowie eine kurze Beschreibung, um „was“ es sich bei den PRIMACY handelt („Premium Triple Drivers Hybrid Hi-Fi In Ear Headphones“).
Jede der vier Seiten zeigt die ORIVETI Schrift; die Rückseite offenbart ein sehr nett anzusehendes, beschriftetes Explosionsprogramm zusammen mit einer Nennung der technischen Spezifikation als auch des Lieferumfanges.
Hebt man den Deckel ab, erblickt man direkt die In-Ears, welche sich sicher eingebettet in einem Block aus Schaumstoff befinden, welcher mit Samt überzogen ist. Was ich hieran sehr clever finde und mag, ist dass das Kabel in den speziell dafür vorgesehenen, umlaufenden Aussparungen
aufgewickelt ist.
Hebt man diese Schicht mit den In-Ears ab, erblickt man das einzige wirklich helle Element in der Verpackung, welches sich als große Schnellstartanleitung mit dem ORIVETI Logo auf der einen und den Instruktionen auf der anderen Seite herausstellt.
Danach kommt etwas, das ich ebenfalls ziemlich clever finde: der gesamte (recht üppige) Lieferumfang befindet sich in passgenau ausgeschnittenen Aussparungen in einer Schicht aus Schaumstoff eingebettet. Nimmt man diese Schicht heraus, kann man das gesamte inkludierte Zubehör einfach herausdrücken; die ungenutzten Sachen verweilen dann einfach und ordentlich an ihrer Position.

Neben den In-Ears und dem abnehmbaren Kabel befinden sich im Lieferumfang folgende Gegenstände: ein sehr schönes Aufbewahrungsetui aus schwarzem Aluminium, ein Flugzeugadapter, ein 6,3 auf 3,5 mm Klinkenadapter, ein Cerumen-Säuberungsstift, zwei Ohrbügel aus schwarzem Silikon, zwei Paare an Schaumstoffaufsätzen (Einheitsgröße) sowie schließlich 8 Paare an weichen, weißen Silikonaufsätzen (vier Größen; zwei Paare je Größe).

Die ganze Auspackerfahrung stellt Understatement sowie ein Premium-Gefühl zur selben Zeit dar.










Optik, Haptik, Verarbeitung:

Die Gehäuse der In-Ears bestehen aus schwarz eloxiertem Metall und tragen ein weißes ORIVETI Logo auf der linken sowie einen weißen ORIVETI Schriftzug auf der rechten Gehäuse-Außenseite. Auf den Innenseiten findet man große weiße Seitenmarkierungen, welche das schnelle Finden der richtigen Gehäuseseite erleichtern.
Von der Form teilen sich die PRIMACY In-Ears Gemeinsamkeiten mit Shures und Westones In-Ears, besitzen jedoch einen anderen Winkel des Schallröhrchens sowie Kabelanschlusses. Die Größe ist in etwa vergleichbar mit der meines Shure SE425.
Die Gehäuse sehen sehr gut verarbeitet aus und fühlen sich auch so an, dazu wirken sie extrem stabil. Am Ende des Schallröhrchens befindet sich ein kleiner Rand, welcher dafür sorgt, dass die Aufsätze sehr fest und sicher sitzen.

Was ich an den In-Ears wirklich liebe, ist das Kabel (welches übrigens austauschbar ist und auf koaxiale MMCX-Verbindungen setzt): der kleine, gerade 3,5 mm Klinkenstecker ist auch aus eloxiertem Metall hergestellt und besitzt einen weißen ORIVETI Schriftzug, aber auf diesen beziehe ich mich gar nicht – das Kabel ist, wie bei manchen anderen universellen High-End und den meisten maßgefertigten In-Ears, verdrillt und dementsprechend extrem flexibel, dazu vermittelt es einen sehr hochwertigen Eindruck.
Sehr positiv fällt bei ihm auch auf, dass es aus vier einzelnen Litzen besteht, was bedeutet, dass es im Y-Splitter keiner Lötpunkte bedarf, wodurch dieser sehr klein im Profil gehalten werden kann. Ein transparenter Kinn-Schieber ist natürlich auch vorhanden.

Ebenfalls sehr hochwertig ist das inkludierte Aufbewahrungsetui, welches wie die In-Ears auch aus schwarzem, eloxiertem Aluminium gefertigt wurde und einen ORIVETI Schriftzug besitzt. Obwohl es sehr stabil ist, stellt es mehr einen Kunst- als einen Gebrauchsgegenstand für den alltäglichen Einsatz dar, so gibt es kein Gewinde – stattdessen lässt man den Deckel einfach auf das Unterteil „sinken“ (im Deckel befinden sich vier winzige Luftkanäle in den Seiten, welche für den Druckausgleich sorgen und so die feste Luftabdichtung zum Öffnen langsam lösen).
Obwohl es sich nicht ungewollt öffnen lassen sollte, kann dies passieren, wenn man das Etui unachtsam in einer Hand hält – persönlich hätte ich mir hierbei ein Gewinde am Boden statt des Luftpolsters gewünscht (wobei ich zugeben muss, dass es schön anzusehen ist, wie sich der Deckel langsam senkt).
Im Inneren sind Ober- und Unterseite mit Filz gepolstert, die Seiten hingegen sind gänzlich ungeschützt, weshalb mit der Zeit Kratzer in den Aluminium-Seiten sowie den In-Ears selbst entstehen können, was ziemlich schade wäre.
Ob des recht hohen Gewichts des Etuis denke ich, am Rande erwähnt, übrigens auch nicht wirklich, dass es für den portablen Einsatz konzipiert wurde, so stellt es vielmehr ein Design-Objekt für den Schreibtisch dar – vielleicht wäre eine praktischere, portablere Revision des aktuellen Etuis eine sinnvolle Idee.















Tragekomfort, Isolation:

Wie bereits erwähnt, ist die Gehäuseform der PRIMACY In-Ears der von Shures/Westones In-Ears bis auf das Schallröhrchen sowie den Kabelanschluss sehr ähnlich, weshalb sich bei mir der Tragekomfort als richtig gut und das Einsetzen als sehr einfach herausstellt. Für Menschen mit eher kleinen Ohren wird die geringe Gehäusegröße sicherlich auch von großem Vorteil sein.
Die In-Ears sind dafür vorgesehen, mit den Kabeln über den Ohren getragen zu werden, was auch die professionelle Art ist, welche nur Vorteile bietet und daher generell von mir bei all meinen In-Ears angewandt wird.
Ohne die Silikonbügel zu benutzen sind Kabelgeräusche nur sehr gering ausgeprägt und weit davon entfernt, zu stören, und verschwinden gänzlich, wenn man die Bügel aufzieht. Ich persönlich nutze sie nicht, da der Tragekomfort auch ohne ihren Einsatz sehr gut ist und das Gewicht an den Ohren ebenfalls etwas geringer wird.

Obwohl die Gehäuse gänzlich geschlossen sind, ist die Geräuschisolation etwas geringer als ich erwartet hatte, dennoch isolieren die In-Ears noch immer sehr gut und besser als durchschnittlich (jedoch nicht so stark wie beispielsweise die UE900).


Klang:

Sicherheitshalber habe ich die In-Ears vor der Evaluation eingespielt, um mögliche Klangveränderungen auszuschließen.
Meine hauptsächlich zum Hören genutzten Geräte waren der iBasso DX90, LH Labs Geek Out IEM 100 sowie der iBasso DX80; das Musikmaterial stammte hauptsächlich von meinen CDs, die ich mit foobar2000 ins FLAC-Format gerippt habe.
Die verwendeten Aufsätze waren die größten mitgelieferten aus Silikon.

Tonalität:

Als jemand mit ziemlich weiten und geraden Gehörgängen kann ich oft etwas mit der Einsetztiefe von In-Ears experimentieren. Was ich bei den ORIVETI PRIMACY feststellen konnte, ist dass der Klang bei tiefem Einsetzen dicker sowie wärmer besonders im Bereich der Mitten wird und der Bass auch etwas an Quantität zulegt, wohingegen ich bei normaler Einsetztiefe (bei der ich jedoch auch einen einwandfreien Seal bekomme und die In-Ears beim Betrachten von vorn unsichtbar in meiner Concha sitzen) einen klar weniger warmen und bassstarken Klang erhalte.
Da sich letzteres für mich natürlicher anhört (und anfühlt), habe ich immer mit normaler statt sehr tiefer Einsetztiefe gehört.

Kurz zusammengefasst würde ich den Klang als eine gutmütige, relaxte und recht moderat ausgeprägte Badewanne beschreiben.

Der Bassbereich ist gleichmäßig vom unteren Midbass bis 200 Hz um 6 dB im Vergleich zu neutralen In-Ears angehoben, darüber hinaus fällt er dann gleichmäßig bis 600 Hz auf ein neutrales Niveau ab. Der Tiefbass rollt nicht ab, ist jedoch geringfügig weniger präsent als der Midbass – der Fokus liegt im Tiefton also auf dem Mid-, Oberbass und unteren Grundton.
Bei etwas mehr als 1 kHz gibt es eine breitbandiger ausfallende, sehr moderate Betonung, welche hilft, dass der Mittelton nicht untergeht, sondern präsent bleibt, ohne betont zu wirken. Da sie etwas höher als 1 kHz liegt, kommen die oberen Mitten besser zur Geltung, ohne jedoch dass der Mittelton aufgehellt oder unnatürlich klingt – Stimmen werden in meinen Ohren sehr korrekt und natürlich wiedergegeben.
Nach 1,5 kHz sinkt der Pegel im Hochton ab und die unteren sowie mittleren Höhen befinden sich mehr im Hintergrund, mit dem tiefsten Punkt der Senke bei 5 kHz. Durch den sich im Hintergrund befindenden Pegel erhält der Hörer eine gute Langzeittauglichkeit und wirkt entspannt sowie unangestrengt. Wie ich schon bei anderen In-Ears wie etwa dem Westone 4R oder Fischer Amps FA-3E feststellen konnte, sorgt die Senke bei 5 kHz für einen unangestrengten, entspannten Mittelton, der auch hier beim ORIVETI vorhanden ist. Da beim PRIMACY der Pegel im Mittelton minimal betont ist, erhalten Stimmen ihren detaillierten Charakter, obwohl der Klang entspannt wirkt, was ich sehr gelungen finde.
Nach der 5 kHz-Senke steigt der Pegel dann wieder an und formt bei 7 kHz einen schmalbandigen Peak, welcher dem Klang Frische verleiht; der restliche obere Hochton bei 8, 9 und 10 kHz steht wieder mehr im Hintergrund. Oberhalb von 10 kHz ist der Umfang gut, mit einem Peak bei 13 kHz und genügend Pegel noch oberhalb von 15 kHz.

Bass und Grundton strahlen nicht in die Mitten hinein, trotzdem wirkt der Tiefton ein wenig warm, was sicher auch am relaxten mittleren und unteren Hochton liegt.
Beim Sweepen mit einem Sinusgenerator klingt der Peak bei 7 kHz sehr spitz und einschneidend, fällt beim Hören von Musik jedoch nicht störend, scharf oder unangenehm auf, sondern gleicht lediglich den mittleren als auch unteren Hochton aus, ohne zu nerven – ähnlich wie beim Sennheiser Amperior, der ebenfalls im mittleren Hochton zurückgesetzt ist und dies im oberen Hochton mit einem nicht störenden Peak wieder ausgleicht. Dennoch, durch die schmalbandige Betonung bei 7 kHz wirken die Höhen nicht zu 100% natürlich sondern ein wenig aufgesetzt – da wäre eine breitbandigere Anhebung vielleicht besser gewesen.

Auflösung:

Beim ersten Hören war ich anfangs nicht unbedingt sonderlich mitgerissen (was manchmal ein gutes Anzeichen ist, ebenso in diesem Fall): alles war da, doch nichts stand wirklich heraus, war jedoch auch weit davon entfernt, schlecht zu sein. Es bedurfte noch einiger weiterer Musikstücke, bis ich erkannte, dass die PRIMACY In-Ears alle Details sehr sauber renderten und aufdeckten, dies jedoch nicht aufdringlich sondern eher dezent und unangestrengt taten.
Ja, die Detailfülle im Klang der In-Ears ist sehr hoch, alles wird fein und minuziös genau aufgedeckt, jedoch im positiven Sinn des Wortes unauffällig, was an der etwas entspannteren Spielweise liegt.

Der dynamische Basstreiber wurde gut in das System integriert und spielt kontrolliert, leichtfüßig und präzise, zudem gehört er bei dynamischen Treibern definitiv der schnelleren Sorte an. Details gibt der Tieftöner gut und differenziert wider, ist dabei sehr kontrolliert und auch fest, wozu sicher auch die geschlossene Bauweise positiv beiträgt. Vom Charakter geht der Tiefton ein wenig in die Richtung von rückseitig belüfteten BA-Bässen, ohne dabei jedoch den typischen dynamischen Charakter zu verlieren.
Im Einschlag ist der Bass minimal auf der weicheren Seite, beim Ausschwingen hingegen ist er sehr schnell, was ihn ziemlich knackig und kontrolliert wirken lässt. Ein wenig geht dies zu Lasten des Basskörpers, für den hauptsächlich das Ausschwingen verantwortlich ist, dafür ist der Tiefton fester und weniger weich, was mir persönlich somit etwas besser gefällt.
Sehr schnelle Doppelbass-Schläge gibt der dynamische Treiber kontrolliert und sauber wieder.

Obwohl die Auflösung beim PRIMACY sehr gleichmäßig verteilt ist, empfinde ich den Mittelton als noch ein wenig höher auflösend als den Hochton und insbesondere Bassbereich. Die Mitten klingen detailliert, mit einer sehr hohen Sprachverständlichkeit und guten Natürlichkeit sowie wirklich exzellenten Aufdeckung von feinen Variationen der Sänger. Dies wird größtenteils durch echte Auflösung und nicht Betonungen erreicht, denn der Mittelton befindet sich beim PRIMACY definitiv nicht im Vordergrund und ich würde ihn sogar als minimal im Hintergrund stehend beschreiben, im Vergleich zu den Höhen und Tiefen.

Durch den etwas stärker im Hintergrund stehenden unteren sowie mittleren Hochton ist dieser nicht aufdringlich oder auffällig, löst jedoch fein und differenziert auf. Wie weiter oben bereits angemerkt, fällt der Peak im oberen Hochton dann beim Hören von Musik weder negativ noch in irgendeiner Form scharf oder spitz auf, was hier wiederum für eine hohe Auflösung in dem Bereich spricht (analog zum Westone W4R).

Räumliche Darstellung:

Die seitliche Ausdehnung der imaginären Bühne ist breiter als durchschnittlich, doch vermisse ich persönlich ein wenig räumliche Tiefe. Es ist nicht so, dass sie nicht vorhanden wäre, doch ist ihre Ausprägung eher durchschnittlich (etwa ein Drittel der Breite) und generiert keine besondere oder bodenlose Tiefe, sondern eine eher intime Präsentation – die frontale Projektion könnte also etwas besser sein.
Die Instrumentenplatzierung und Separation sind gut sowie präzise und damit etwa auf dem Niveau des Fischer Amps FA-3E, an die räumliche Präzision des DUNU DN-2000J oder die Trennungspräzision des W4R von Westone reicht die Bühne des PRIMACY jedoch nicht ganz heran. Nichtsdestotrotz ist die räumliche Darstellung angesichts des Preises relativ ordentlich.

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Im Vergleich mit anderen hybriden In-Ears:

Fidue A73:
Der A73 ist auch ein hybrider In-Ear, jedoch mit zwei Treibern in zwei-Wege Konfiguration.
Der A73 ist tonal auch eine relaxte Badewanne, spielt jedoch im Hochton dunkler und besitzt mehr Grundton. Die Bassquantität ist bei beiden (eben bis auf den stärkeren Grundton beim Fidue) identisch; in den oberen Mitten ist der A73 etwas betonter, was ihn sibilanter macht. Der mittlere Hochton ist auch zurückgesetzt, jedoch etwas weniger als beim PRIMACY. Im oberen Hochton ist der PRIMACY heller.
Der Fidue besitzt einen relativ schnellen Bass für einen Dynamiker, der des Oriveti ist jedoch noch ein ganzes Stück schneller, besonders im Ausklang. Im Einschlag ist der Fidue nicht arg viel langsamer, dafür jedoch merklich im Ausklang, was ihm seinen etwas voluminösen Basskörper verleiht – der PRIMACY schwingt schneller aus, ist dadurch präziser, knackiger und kontrollierter, mit einer höheren Detailfülle in den Tiefen, besitzt dafür aber auch recht wenig Körper.
Der ORIVETI löst klar höher auf und stellt feine Details besser dar; der gesamte Klang wirkt schneller, knackiger und kontrollierter – im Vergleich wirkt der Fidue, den ich als sehr guten In-Ear in seinem Preisbereich ansehe, gar etwas schwammig und neblig bei recht schneller Musik.
Die Bühne des PRIMACY ist ein wenig breiter als die des A73, dafür jedoch auch etwas weniger tief. Bei der Instrumentenseparation und –platzierung sind beide etwa gleich auf, beim PRIMACY bleibt die Bühne bei schnellen Musikstücken jedoch kontrollierter und zusammenhängender.
Der A73 ist noch immer einer meiner liebsten In-Ears in seinem Preisbereich, der PRIMACY macht jedoch fast alles ein ganzes Stück besser.

DUNU DN-2000J:
Der DN-2000J ist wie auch der PRIMACY ein hybrider In-Ear mit drei Treibern in drei-Wege Konfiguration.
Der DUNU besitzt etwas weniger Bassquantität, spielt im Mittelton heller und besitzt mehr Hochton, besonders in den unteren und mittleren Höhen, weshalb er nicht entspannt, sondern hell und analytisch klingt, jedoch weniger langzeittauglich ist – hier gefällt mir der ORIVETI ganz persönlich im Mittel- und Hochton etwas besser.
Beide In-Ears besitzen einen sehr schnellen und kontrollierten Bassbereich, unterscheiden sich hier jedoch vom Charakter – der Tiefton des DN-2000J erinnert mich an den meines Audeze LCD-X, welcher auch etwas körperhafter und weicher spielt, trotz hoher Geschwindigkeit und Kontrolle; der ORIVETI ist im Bassbereich trockener und fester (wodurch er als logische Konsequenz weniger körperhaft und fühlbar ist), bei etwa gleicher Geschwindigkeit und Kontrolle (der DUNU mag hier vielleicht eine Kleinigkeit schneller sein – das klingt paradox, ist jedoch so: dem DN-2000J gelingt es, einen traumhaften Körper bei sehr hoher Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten, klingt dafür jedoch auch ein wenig weich und etwas weniger knackig).
Bei der Auflösung geben sich beide In-Ears fast nichts, wobei ich den DUNU als einen Hauch besser einschätze (gerade im Tiefton scheint mir der DN-2000J detailreicher), den PRIMACY persönlich jedoch im Hochton zwar als entspannter, gleichzeitig aber auch natürlicher ansehe.
Die Bühne des DUNU ist etwas breiter und insbesondere ein ganzes Stück tiefer, weshalb er drei-dimensionaler klingt. In Sachen Instrumentenseparation liegt der DN-2000J auch etwas vorne.


Fazit:


Die ORIVETI PRIMACY sind richtig gute In-Ears für das Geld und bieten einen sehr guten Gegenwert, exzellente Verarbeitung sowie ein grandioses Kabel.
Der Klang ist (im sehr positiven Sinn) sanft, unaufregend und gleichzeitig sehr detailliert, besitzt einen guten Tonumfang auf beiden Seiten und kombiniert wirklich die besten Eigenschaften aus „beiden Welten“, indem der Charakter des dynamischen Basstreibers mit dem detaillierten Klang der BA Mittel- und Hochtöner vereint wird.
Das Gesamtpaket ist sehr gut. Was jedoch ein wenig verbessert werden könnte, ist der obere Hochton, der minimal realistischer sein könnte, dazu könnte die klangliche Bühne etwas größer sein, mit besserer Instrumententrennung (bei dem Preis von 299$ ist dies jedoch keine sehr große Kritik, denn nur sehr wenige In-Ears kommen hier an mein Empfinden von „Perfektion“ heran) und ein praktischeres Aufbewahrungsetui wäre auch nett (zwar sieht es sehr schön aus, ist jedoch nicht wirklich für den mobilen Gebrauch geeignet).

Wer auf der Suche nach einem sanften und unangestrengten Klang mit detailliertem Mittel- und Hochton, jedoch ohne den oft „trockenen, analytischen“ BA-Bass ist (jedoch noch immer einen recht schnellen und kontrollierten dynamischen Bass beibehalten möchte), für den könnten die PRIMACY In-Ears ein passendes Modell sein.

89% oder 4,5 von 5 Sternen.