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Zorloo Aero, Take Two: ein (leider) noch immer unfertiges und nicht ganz durchdachtes Produkt - [Review] 🇩🇪

Prolog:

Andy Ho von Zorloo (http://www.zorloo.com/) hat mir nun die finale Version der neuen Aero In-Ears zugeschickt, um meine Meinung zu erfahren. Aus diesen Eindrücken habe ich dann ein kleines Review erstellt.

Wenn ihr mein Review über den Vorserien-Prototyp gelesen habt, wisst ihr, dass ich ziemlich von ihm enttäuscht war. Ich bin zwar froh, dass an den Treibern und der Abstimmung getüftelt wurde, da das Tuning sich seitdem verbesset hat – aber die In-Ears benötigen meiner bescheidenen Meinung nach noch immer eine weitere Revision, was die Abstimmung betrifft.

Das chinesische Startup-Unternehmen Zorloo bringt nach den Z:ero In-Ears und dem ZuperDAC (der
wirklich ziemlich super ist und dank meines Inputs nun mit verringerter Ausgangsimpedanz produziert wird) demnächst seine zweiten In-Ears auf den Markt, welche den Namen „Aero“ tragen werden – die UVP soll 119$ betragen, der Vorbesteller-Preis bei Crowdfunding-Seiten etwa 79$.
Die In-Ears werden wieder digital an das Abspielgerät angeschlossen (Micro USB-, USB-C- oder Lightning-Stecker) und besitzen ebenfalls im Y-Splitter einen integrierten DAC (diesmal einen aus der Sabre Serie von ESS).
Im Vergleich zum Vorgänger sind die In-Ear-Hörerstücke nun abnehmbar, denn beim Aero soll es drei Versionen geben – „Acoustic“ (flacher Klang), „Euphoric“ (für moderne Musik) und „Nostalgic“ (wärmere Signatur); vielleicht gibt es zu einem späteren Zeitpunkt auch eine „Melancholic“ Ausführung mit kälterer Klangsignatur.
Im Test habe ich die Ausführung mit den „Acoustic“ Modulen, welche auch später als Standard ausgeliefert werden sollen (will man die anderen In-Ear Module nachkaufen, sollen 50$ pro Paar fällig werden).



Lieferumfang:

Mein Exemplar kam im kleinen Luftpolsterumschlag in einer kleinen Tasche, in welcher sich neben dem In-Ears noch ein Paar an Schaumstoff-Aufsätzen sowie drei Paare an Silikonaufsätzen befanden.
Bei der finalen Version kann und wird sich die Verpackung mitsamt Zubehör natürlich ändern.




Optik, Haptik, Verarbeitung:

In Sachen Haptik, Optik und Verarbeitung hat sich im Vergleich zum Vorgänger noch einiges getan, so besitzt der Aero ein massives, mattgraues Metallgehäuse mit Zorloo-Logo und wirkt recht wertig.
Die Kabel sind nun austauschbar (2 mm DC-Stecker, wie beim MEE M6 Pro, dessen Kabel übrigens auch passen) und sitzen angenehm fest, mit Widerhaken, die ein ungewolltes Drehen verhindern.
Unterhalb des (leider recht tief sitzenden) Y-Splitters ist das Kabel flach, darüber rund. Der Knickschutz ist ordentlich. Einen Kinn-Schieber sucht man leider vergeblich.
Der große Y-Splitter beherbergt den DAC und besitzt die Tasten zur Wiedergabesteuerung, die nun gummiert sind – die einzelnen, festen Tasten beim Z:ero haben mir da doch etwas besser gefallen.

Insgesamt ist der Aero optisch und haptisch ein ziemlich wertiges Produkt, das im Vergleich zum Vorgänger einen klaren Fortschritt darstellt.






Tragekomfort, Isolation:

Die Gehäuse sind eher schwer und groß, vergleichbar mit denen des RHA T20. In meinen Ohren sitzen die In-Ears bequem, sicher und fallen Gewichts-mäßig auch nach einer gewissen Zeit nicht mehr wirklich auf.
Die Ohrbügel sind durch eine Art Schrumpfschlauch geformt, besitzen jedoch keinen Drahtbügel, weshalb sie weich und nicht fühlbar sind, ihre Form jedoch trotzdem richtig gut behalten.
Mikrofonie gibt es in meinen Ohren fast gar nicht, doch sitzt der Y-Splitter recht tief und da es keinen Kinn-Schieber gibt, schwingt das Kabel beim Laufen hin und her.

Die Isolation ist in meinen Ohren etwas besser als durchschnittlich.


Verbindung, Fernbedienung:

Prinzipiell genau wie bei den Z:ero In-Ears:

PC: Nach dem Einstecken der In-Ears mittels eines zusätzlichen Adapters werden unter Windows die Treiber automatisch installiert und die In-Ears können in der Systemsteuerung ausgewählt werden. Am PC ist hierbei übrigens eine doppelte, unabhängige Lautstärkeregelung der In-Ears möglich, bei der am PC die Lautstärke über den Mixer quasi begrenzt werden kann.

iPhone: Ja, es ist richtig, die In-Ears in der Android-Ausführung funktionieren auch an iOS-Geräten, wenn man das Apple CCK (Camera Connection Kit) verwendet. Eine eigenständige Version mit Lightning-Connector soll jedoch noch folgen.
Eine doppelte, unabhängige Lautstärkeregelung wie am Computer ist hier nicht möglich; am iPhone wird die Lautstärke direkt an den In-Ears geregelt. Im Gegensatz zum Z:ero ist die geringstmögliche Lautstärke über Mute leider ziemlich hoch und nicht für Leise-Hörer geeignet.

An beiden Geräten funktioniert die Kabelfernbedienung (Wiedergabesteuerung) sehr gut. Ein Mikrofon gibt es leider nicht.


Klang:

Den Klang der Aero In-Ears habe ich an meinem Windows 7 PC mithilfe des Adapters des Z:ero getestet. Verwendet habe ich die größten Silikonaufsätze, die sich im Lieferumfang befanden.

Der verwendete DAC- und Amp-Chip kommt aus ESS Technologys SABRE Familie. Ich muss offen gestehen, dass ich ein Sabre-Fanboy bin, da dieser in manchen Applikationen klar, etwas hell und sehr detailliert klingt (der Unterschied ist nicht wirklich groß sondern eher klein und weicht nicht wirklich von neutralem Klang ab, aber ein wenig ist dies manchmal doch hörbar). Zorloos ZuperDAC besitzt so etwa eine Implementierung des Sabre-Chip, in welcher dieser den schnellsten Hochton besitzt, den ich je gehört habe. Im Aero könnte ich ehrlich gesagt nicht ausmachen, ob es sich um einen Sabre oder irgendeinen anderen Chip handelt, da es einfach keinen hinzugefügten „Charakter“ gibt und der Klang einfach nur total neutral klingt, ohne das typische „Sabre-Glitzern“. Ob das nun positiv oder negativ ist, darf jeder gern für sich selbst entscheiden. Obwohl ich es gut finde, dass der Chip im Aero neutral kling, ohne jegliche Einfärbung, hätte ich mir insgeheim doch ein wenig Sabre-Charakter gewünscht.

Tonalität:

Bevor ich näher auf die Tonalität eingehe, lasst uns gemeinsam auf die Messungen blicken (über die Messgraphen):


Man sieht zwei Linien – die orangefarbene repräsentiert den Frequenzgang in einem akustischen Messkuppler, in dem beide Belüftungsöffnungen gänzlich frei sitzen (so fei, wie sie niemals in den Ohren sein können) und nicht im Geringsten verdeckt werden. Die grüne Linie stellt den Klang dar, wie er sich in den Ohren darstellt, wo die untere Belüftungsöffnung verdeckt wird. Wie man sehen kann, ist die Tonalität ziemlich unterschiedlich. Während sich der Klang im Kuppler ziemlich ausgewogen, eigentlich eher Mitten-fokussiert und etwas dunkel darstellt, ist er in den Ohren bassig, sehr warm und dunkel aufgrund der ungünstigen Positionierung der Belüftungsöffnungen. Ehrlich, man hätte eine viel bessere Position dafür finden können. Der Klang ist dadurch garantiert nicht so, wie der Name „Acoustic“-Modul suggeriert.

Der Bass ist warm und dick. Er beginnt bereits sehr hoch bei etwa 800 Hz und erreicht den Höhepunkt in meinen Ohren schon bei 210 Hz, wenn ich einen Sinusgenerator nutze. Von da an bleibt der Pegel aufrecht ohne Abrollen, selbst unterhalb von 20 Hz, und ist etwa 12,5 dB nördlich von neutral in meinen Ohren. Es gibt also Einiges an Tiefbass, aber leider auch eine Menge an aufgeblähtem Grundton, der ganz klar in die unteren Mitten einstreut und diese sehr warm macht. Viel zu warm, um als natürlich oder ausgewogen angesehen zu werden – sie sind klar verfärbt. Den 1,8 kHz Hügel (obere Mitten) des Graphs gibt es auch beim Hören von Sinussignalen, aber er ist weniger auffällig und nicht zu schmalbandig. Leider hellt er den Mittelton nicht auf, und dieser bleibt klar noch immer auf der sehr warmen Seite – mit Musik merke ich diese Betonung in den oberen Mitten nicht einmal. Bei 4 kHz höre ich eine kleine Erhebung beim Sweepen, danach ist der Pegel von 4,5 bis weit über 10 kHz im Hintergrund und kommt nicht mehr zurück. Helligkeit oder Glitzern sucht man vergebens; der Hochton befindet sich ganz klar auf der dunklen Seite.

Mit dieser tonalen Abstimmung gibt es eine Menge an verschenktem Potenzial. Man kann klar hören, dass die verwendeten Treiber nicht schlecht sind (eigentlich sind sie sogar ziemlich gut), aber das Tuning ist meiner Meinung nach schon ziemlich fehlgeschlagen. Ich habe keinerlei Probleme mit sich stark unterscheidenden tonalen Abstimmungen, solange der Mittelton nicht zu verfärbt ist. In diesem Fall ist er sehr verfärbt. Ich habe auch keine Probleme mit einem sehr stark angehobenen Bass, solange die Qualität stimmt. Hier ist der Bass zwar nicht zu exzessiv angehoben und besitzt eine gute Qualität, aber der Mittelton ist einfach viel zu stark verfärbt.
Der Hochton klingt ein wenig zu schnell ab, vergleichbar mit dem Fidue A65, aber das ist kein Problem, besonders im Vergleich zu den viel problematischeren Mitten.

Wenn man einen guten Equalizer nutzt und die unteren Mitten deutlich absenkt, stimmt die Mitteltonbalance und der Hochton erscheint nicht mehr so unterdrückt.
Wer einen guten EQ besitzt und mit diesem umgehen kann, ist in der Lage, viel mehr aus den In-Ears herauszuholen. Bereits eine Verminderung des Pegels zwischen 800 und 200 Hz lässt die Mitteltonbalance sehr viel besser werden.

Meine Empfehlung an Zorloo: versucht, den Mittelton flacher zu bekommen, den Bass tiefer starten zu lassen und etwas mehr Hochtonenergie zu erlangen (weniger Bassquantität würde auch nicht schaden). Ich habe das ausgeprägte Gefühl, dass die Positionierung der Belüftungsöffnungen hier das hauptsächliche Problem ist.

Auflösung:

Die Auflösung ist eigentlich gut, aber die tonale Abstimmung ist hier der Flaschenhals und verschenkt eine Menge Potenzial. Die verwendeten Treiber sind gut – das kann man klar hören.
Der Bass ist stark ausgeprägt jedoch gut kontrolliert und nicht zu weich (reduziert man den Bass- und Grundtonpegel, ist der Tiefton sogar recht schnell) sowie recht detailliert – und was sehr schön ist, ist, dass der Tiefton gen Tiefbass nicht aufweicht. Der Mittelton klingt etwas stumpf, was aber hauptsächlich dem Tuning geschuldet ist, da es dem Klang an Frische und Glitzern mangelt. Der Hochton klingt zu stark bedämpft – reduziert man den Bass sowie Grundton massiv, hört man den Hochton plötzlich und Töne im oberen Frequenzband klingen recht detailliert, mit gut voneinander getrennten Noten.

Für die Treiber allein ohne das DAC-Modul fände ich einen Preis von etwa 70$ gerechtfertigt, die reine Auflösung betreffend (mehr jedoch nicht) – aber die Abstimmung verdeckt leider die Qualität der Treiber. Man hört einen qualitativ guten Bass, aber der Rest klingt zu bedämpft und verhangen.

Räumliche Darstellung:

Die Bühne ist ein kleines Highlight der In-Ears: sie ist breit, tief und klingt sehr offen und räumlich. Ich mag sie sehr. Die Präsentation ist gelungen, gut gestaffelt und vermittelt ein authentisches Gefühl von Tiefe.
Die Instrumententrennung ist nicht schlecht, könnte dennoch ein wenig schärfer sein.

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Kurze Vergleiche:

MEE M6 Pro:
Der MEE besitzt viel weniger Bass und viel mehr Hochton, besonders in den unteren Höhen, wo er manchmal etwas zu vordergründig und metallisch sein kann. Der Mittelton des M6 Pro ist viel weniger verfärbt. Insgesamt ist er ein sehr solider In-Ear für den Preis.
Was die Auflösung betrifft, ist der Aero etwas besser. Nicht deutlich, aber doch hörbar. Die Basskontrolle ist vergleichbar; der Tiefton des MEE klingt durch den geringer ausgeprägten Grundton und Bassbereich etwas schneller aus. Senkt man den Pegel via Equalizer ab, ist die Bassgeschwindigkeit identisch. Der Aero deckt etwas mehr Details in den Tiefen auf (selbst bei massiv reduziertem Basspegel). Im Mittelton ist es keine einfache Entscheidung und ich würde sagen, beide lösen hier gleich gut auf. Im Hochton klingt der M6 Pro etwas langsamer aus und klingelt etwas mehr. Der Aero hingegen klingt etwas zu schnell aus. Der Aero präsentiert Details im Hochton geringfügig besser, da er etwas differenzierter und gleichmäßiger klingt.
Der Aero besitzt die viel größere, schönere Bühne bei gleicher räumlicher Präzision.

Fidue A65:
Der A65 ist ein sehr gutes Modell für seinen Preis, also gibt es für den Aero nun stärkere Konkurrenz.
Der A65 ist sanft, etwas warm und auch etwas dunkel klingend. Verglichen zum Aero jedoch klingt er dünn und hell. Beim Aero ist der Bass präsenter, besonders im Tiefbass. Der Aero besitzt mehr Grundton, wodurch er viel wärmer als der A65 klingt, der hier bereits etwas warm ist. Der Aero gibt Stimmen auch deutlich wärmer wieder. In den unteren Höhen ist der Pegel der beiden In-Ears vergleichbar. Im mittleren sowie oberen Hochton ist der Aero noch etwas dunkler. Nicht super deutlich, jedoch klar hörbar.
Der A65 löst etwas besser auf, besonders im Bereich der Stimmen. Der Aero klingt hier im Vergleich stumpf. Das Detailniveau unterscheidet sich im Tief- und Hochton nicht drastisch, nur ist der A65 ein wenig feinzeichnender. Bassgeschwindigkeit und -kontrolle sind vergleichbar.
Die Bühne des Aero ist ganz klar breiter und tiefer, die des A65 hingegen ist präziser gestaffelt und separiert, mit der genaueren Instrumentenplatzierung.


Fazit:

Für 79$ oder eine UVP von 119$ gibt es einfach zu viel ungenutztes Potential. Und der Klang ist überhaupt nicht ausgewogen – er ist bassig, dunkel und sehr warm. Ich habe kein Problem mit warmen oder bassigen In-Ears, jedoch mit einem übermäßig verfärbten Mittelton. Und hier ist er einfach viel zu warm, wodurch die tonale Balance der Stimmen verfälscht wird.
Wenn man einen guten Equalizer besitzt, kann man aus den Treibern des Aero viel mehr herauskitzeln. Wie gesagt, man hört, dass gute Treiber verwendet wurden, was bei der Abstimmung aber eine Verschwendung ist. Ehrlich gesagt wirkt der Aero auf mich noch immer wie ein unfertiges Produkt.

Bekäme Zorloo die Abstimmung richtig hin (viel weniger Wärme im Mittelton, viel mehr Hochtonpräsenz, etwas weniger Bass), würde ich klar sagen, dass er die 79$ wert ist (viel mehr jedoch auch nicht), zusammen mit dem digitalen Kabel mit dem Sabre DAC-Amp. Aber so, wie der Aero momentan ist, habe ich klar Probleme damit, ihn zu empfehlen, solange man kein versierter EQ-Freak ist, da die tonale Abstimmung die Fähigkeiten des Treibers einfach zu sehr unterdrückt (ich kann es nicht oft genug erwähnen). Es macht mich sehr traurig, dass hier so viel Potential der guten Treiber einfach verschenkt wird.

53,2% oder 2,66 von 5 möglichen Sternen bei meiner üblichen 70% Klang/Preis zu 30% Komfort/Verarbeitung Gewichtung. *Seufz* - der In-Ear könnte so viel mehr mit einem besser gewählten Tuning des Mittel-, Grund- und Hochtons. Es ist ein wenig so, als kaufte man sich einen heckgetriebenen High-End Sportwagen und nutzte diesen dann mit zu schmalen Sommerreifen mit zu wenig Haftung auf zugeschneiten Straßen in den Bergen – man weiß, dass eine Menge Potential vorhanden ist, kann es aber nicht adäquat nutzen.