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Etymotic ER-4S: "The King" -oder- "(m)eine neutrale Referenz" - [Review] 🇩🇪


Prolog:

Warum? Wieso? Wann? Wie? Wo? Hier könnten zig W-Fragen stehen. Warum habe ich dieses
Review nicht früher veröffentlicht? Weshalb habe ich den ER-4S nur so spät entdeckt? Wie hätte der Etymotic meine In-Ear- und Sammel-Leidenschaft beeinflusst? Was macht den ER-4S so besonders? Was genau ist dieser In-Ear eigentlich?
Auf die erste Frage kann ich recht einfach antworten – der Etymotic ist nicht mein bester In-Ear, aber definitiv mein liebster – ich mag ihn einfach so sehr, dass ich ihn, müsste ich mich dafür entscheiden, nur einen einzigen In-Ear zu besitzen, als alleiniges Exemplar behielt, obwohl ich technisch (in manchen Kategorien „viel“) bessere Modelle im Inventar habe. Außerdem ist er extrem neutral – neutraler als jeder andere In-Ear, den ich bisher hören durfte. Ganz ehrlich, ich habe das Schreiben dieses Reviews einfach sehr lange vor mir hergeschoben, schlichtweg deswegen, weil ich nicht weiß, was ich genau über den In-Ear schreiben soll [ja, dieser Satz ist im Präsens verfasst, was den einfachen Grund hat, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt noch immer am Schreiben und noch so ziemlich in der Anfangsphase meines Reviews, für das ich ziemlich genau ein Dreivierteljahr benötigte, befand - sowohl mental als auch aber primär den Umfang sowie Fortschritt des Textes betreffend, denn ich wusste schlichtweg nicht, wie genau ich das Review gestalten sollte].
Weshalb ich den Etymotic so spät entdeckt hätte? Dies ist eine gute Frage. Eine sehr gute sogar. Das Vorhandensein dieses In-Ears war mir jedenfalls schon seit einigen Jahren bewusst, doch bestand für mich nur geringes Interesse an ihm, was wohl hauptsächlich daran liegt, dass er in der deutschen Kopfhörer-Szene eine ziemlich geringe Beachtung erfährt (leider völlig zu Unrecht).
Hätte sich durch das frühere Entdecken des ER-4S etwas an meiner Leidenschaft für das Sammeln von In-Ears geändert? Im Nachhinein lässt sich diese Frage selbstredend nicht gänzlich beantworten, doch bin ich mir sehr sicher, dass ich mit sehr viel weniger Modellen glücklich geworden wäre, manche Modelle vielleicht erst gar nicht gekauft und an einigen dieser das Interesse verloren hätte.
Was macht den ER-4S so besonders? Er ist alt. Sehr alt sogar für In-Ear Verhältnisse, und dennoch noch immer auf dem Markt. Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts von Mead Killion gegründet hat Etymotic Research (, eine US-amerikanische Firma,) ziemlich genau zehn Jahre später diese In-Ears veröffentlicht, die auch noch heute so ziemlich die neutralsten sind, die es auf dem Markt zu kaufen gibt.
Was ist der ER-4S? Der Grand Daddy der neutralen In-Ears, der auch heute, mehr als 20 Jahre nach seiner Markteinführung, noch Maßstäbe setzt.


Sehe ich mir die Einleitung nun erneut an, ist sie eigentlich Mist. Ich mag sie nicht. Dennoch, ich lasse den oberen Teil so einfach mal stehen.
[Und nun, einige Monate später, gefällt sie mir doch. Da ich die alternative Version jedoch bereits verfasst habe, bleibt sie ebenfalls unterhalb dieser Zeilen bestehen.]
Eine kleine alternative Version [ja, diese meinte ich gerade] gefällig?

Etymotic Research wurde 1983 von Mead Killion (http://www.etymotic.com/about-us/interview-with-mead) in den USA gegründet. In den 90er Jahren folgte dann der ER-4S, der Grand Daddy der neutralen In-Ears. Ein In-Ear, der auch heute noch, mehr als 20 Jahre nach seiner Markteinführung, Maßstäbe in Sachen Neutralität setzt. Bis auf Änderungen am Kabel und der Verpackung sind das Design sowie die akustische Abstimmung und die verwendeten Treiber noch heute mit der ursprünglichen Version identisch.
Dass ich nicht früher aktiv auf den ER-4S aufmerksam geworden bin, ist eigentlich eine Schande, denn der In-Ear stellt manch andere meiner Käufe infrage, und als Gesamtpaket ist der Etymotic, wenn man denn tatsächlich einen messtechnisch strikt linear abgestimmten In-Ear sucht (der Frequenzgang des ER-4S folgt mit 92% Genauigkeit der durchschnittlichen menschlichen HRTF), ungeschlagen (, wenngleich einige Triple- und Quad-BA In-Ears ihm in fast allen Belangen abgesehen von der Neutralität etwas überlegen sind – leider bezieht sich dies häufig jedoch nur auf eine Kategorie). Ich nehme einfach mal an, dass dies daran liegt, dass der In-Ear in der deutschen Kopfhörerszene kaum Beachtung findet.

Gekauft habe ich den ER-4S 2014 neu und direkt von Amazon (Verkauf und Versand durch Amazon, http://amzn.to/1mE1Vdg) zu einem ziemlich günstigen Preis von 206,98€; die UVP beträgt 299$.

Bevor ich dann mit meinem eigentlichen Review fortfahre, sei angemerkt, dass ich von den ersten Zeilen dieses Testberichts bis hin zur Fertigstellung des Textes ungefähr ein Dreivierteljahr benötigt habe, da ich einfach nicht wusste, was genau ich schreiben sollte – beim ER-4S war es für mich so, als müsste ein Sehender einem von Geburt an Blinden ausführlich erklären, was „Sehen“ eigentlich ist: anfangs ist man sich nicht sicher, womit man beginnen, geschweige denn, was man überhaupt erzählen soll. Und auch im Verlauf der womöglich stockend hervorgebrachten, halbwegs überlegten Zeilen hat man wahrscheinlich noch keinen roten Faden gefunden und weiß erst recht spät, was man wie genau in welcher Form erzählen möchte.


Technische Daten:

Frequenzgang: 20 Hz - 16 kHz
Genauigkeit/Neutralität (nach durchschnittlicher HRTF-Kurve:): 92% (ER-4S)
Treiber: Balanced Armature (1x je Seite)
Geräuschunterdrückung: 35 - 42 dB
Impedanz (@1kHz): 100 Ohm (ER-4S)
Empfindlichkeit (@1 kHz) SPL bei 0.1 V: 90 dB (ER-4S)
Maximale Lautstärke (SPL): 122 dB
Kabellänge: 5 Fuß
Austauschbare ACCU-Filter: Ja


Lieferumfang:

Der Lieferumfang gibt so gut wie alles her, was man benötigt.

Der Pappschuber des ER-4S zeigt bereits mit dem Mischpult im Hintergrund des Fotos auf der Vorderseite mit den In-Ears im Vordergrund, dass die In-Ears aus dem Studio-Bereich kommen; auf der Rückseite gibt es Informationen über Etymotic Research sowie darüber, wie nah der Frequenzgang der In-Ears der durchschnittlichen Diffusfeld-Zielkurve kommt.
Unter dem Schuber gibt es eine kleine Überraschung – statt wie häufig üblich erblickt man keinen mal mehr und mal weniger simplen Karton, sondern ein stabiles Plastik-Hardcase mit einem rotem Etmotic Schriftzug auf dem Deckel sowie einem Verschluss auf der Vorderseite, der sich nach einem Druck auf den Knopf öffnet. Darin wiederum befinden sich, weich eingebettet in Schaumstoff und Teppich-artigem Material, eine kleine Aufbewahrungstasche, die Gebrauchshinweise, ein Shirt-Clip, ein 6,3 auf 3,5 mm Klinkenadapter, Ersatzfilter (zwei Paare(?)) mitsamt Metallstift (/Gewindeschneider) zum Entfernen dieser, zwei Paare an mittelgroßen Tannenbaumaufsätzen, je zwei Paare an zylindrischen sowie runden Schaumstoffaufsätzen und natürlich die In-Ears selbst (bereits mit montierten Filtern und kleinen Tannenbaumaufsätzen).





Da ich beim Kauf kein vollständiges geschweige denn bebildertes Review geplant hatte, ist der Lieferumfang bei mir nicht mehr ganz im Auslieferungszustand – Bilder dieses lassen sich jedoch problemlos im Internet finden.


Optik, Haptik, Verarbeitung:

Die In-Ears sind, wie im professionellen Sektor üblich, sehr schlicht gehalten, doch ist ihr Design
(meiner Meinung nach) unverkennbar.

Die Seriennummer jedes einzelnen Lautsprechers befindet sich gut sichtbar auf jeder der zwei Hörerkapseln.

Das Kabel besitzt auf der rechten Seite einen roten Punkt, wodurch man sehr schnell weiß, welche die korrekte Seite ist.
Überall gibt es einen guten Knickschutz.
Der Y-Splitter ist recht schwer und auch eher groß, da sich in ihm die Widerstände und Bauteile befinden, die für den Unterschied zwischen dem ER-4PT, ER-4S und ER-4B verantwortlich sind.
Einen Kinnschieber gibt es leider nicht.
Die Kabel sind abnehmbar (gleiches 2-Pin System wie beim Sennheiser HD 6x0, wenn ich mich nicht irre).




Tragekomfort, Isolation:

Den ER-4S muss man sehr tief, nach dem zweiten Knick des Gehörganges, einsetzen, damit er korrekt klingt (am Anfang kann dies gegebenenfalls etwas schmerzhaft, irritierend und ungewohnt sein). Ich persönlich habe damit kein Problem und verspüre auch keine Schmerzen.

Einsetzen lässt sich der ER-4S in meine Ohren übrigens am besten mit den Kabeln nach unten, woraufhin ich diese dann über die Ohren führe. Dementsprechend werden Kabelgeräusche auch auf ein sehr erträgliches und geringes Maß reduziert; nichtsdestotrotz hätte ich nichts gegen einen Kinnschieber einzuwenden.

Ich besitze recht große Gehörgänge, deshalb dichten die regulären Dreifach-Flansch Aufsätze in meinen Gehörgängen leider nicht richtig ab. Daraufhin habe ich die Standard-Aufsätze so modifiziert, dass die Länge gleich bleibt (dadurch bleibt auch der Klang so, wie er sein soll), sie aber tief in meinen großen Gehörgängen auch eine ideale Abdichtung erreichen.




Neutral = Neutral?

Bevor ich hier weiter zum „Klang“ Abschnitt schreite, möchte ich mich kurz noch mit der Theorie der Neutralität von Kopfhörern und In-Ears befassen und eine knappe Einführung zu diesem Thema geben.

Ist die neutrale, messtechnisch ideale Referenz-Kurve bei Lautsprechern klar definiert, sieht die ganze Angelegenheit bei Kopfhörern, zu denen auch In-Ears zählen, etwas anders aus, denn ein In-Ear Kopfhörer, der sich nach Lautsprecher-Kriterien neutral misst, hört sich, direkt am Trommelfell gemessen, für unser Ohr anders an: dies liegt daran, dass unsere Ohren und Oberkörper von außen kommenden Schall (also im richtigen Leben, bei Schallquellen im Raum wie etwa Lautsprechern oder dem Fließgeräusch des Wasserhahns) in bestimmten Frequenzbereichen aus Resonanzen resultierend verstärken. Bei Kopfhörern fällt diese natürliche, anatomisch bedingte Verstärkung weg, da sich die Schallquelle direkt am Ohr respektive im Gehörgang befindet, der Gehörgang also beidseitig geschlossen ist, wodurch der natürliche „Open Ear Gain“ wegfällt.
Um diese natürliche Verstärkung zu imitieren und deren Mangel zu kompensieren, sollte ein Kopfhörer deshalb idealerweise in diesem Frequenzbereich (ca. zwischen 200 und 15000 Hz mit dem Höhepunkt bei etwa 2,7 kHz mit um die 15 dB) eine Überbetonung besitzen – am Trommelfell gemessen ergibt sich daraus resultierend dann ein natürlicher, linearer Frequenzgang. (Siehe zu dieser Thematik auch HRTF und Open Ear Gain.) Von Mensch zu Mensch variiert die Anatomie des Ohrs natürlich, weswegen die Wahrnehmung der durchschnittlichen Kompensationskurve individuell auch etwas unterschiedlich ausfallen kann, insbesondere in der Wahrnehmung der oberen Mitten, die bei manchen Kopfhörern von manchen Menschen als etwas zu drückend oder gar schrill empfunden werden, wenn ein gewisser Grad der Ausprägung erreicht ist.
Die meisten Frequenzschriebe von Kopfhörern, die wir online oder in Magazinen sehen können, haben die HRTF-Kompensation bei der Abstimmung der Kopfhörer schon herausgerechnet und geben den am Trommelfell wahrgenommenen Frequenzgang wieder.

Davon abgesehen gibt es noch eine andere Sache, bei der es zwischen Experten teils größere Uneinigkeit über der Abstimmung von neutral wahrgenommenen Kopfhörern gibt: hören wir über Lautsprecher Musik, nehmen wir nicht nur den Luftschall über die Ohren wahr, sondern bekommen auch über unseren Körper taktil den von der Schallquelle wiedergegebenen Körperschall mit, besonders bei höheren Lautstärken. Deshalb kann ein neutral abgestimmter Kopfhörer unter Umständen im Tiefton als etwas zu dünn klingend empfunden werden. Manche Menschen sind daher der Ansicht, dass dieser fehlende Körperschall durch eine eher tief angesetzte, geringfügig (!) ausgeprägte Bassbetonung kompensiert werden soll, damit der Kopfhörer „natürlich“ klingt und subjektiv die Wiedergabe über neutrale Lautsprecher imitiert.

Wie man sehen kann, ist empfundene Neutralität bei Kopfhörern nicht unbedingt zu 100% abschließend definiert und kann je nach Ansicht anders aussehen (keine messtechnische, gering ausfallende Mid- und Tiefbassbetonung vs. gering ausfallende messtechnische Mid- und Tiefbassanhebung, messtechnisch bei der Kompensation neutral ausfallende untere Höhen vs. messtechnisch bei der Kompensation geringfügig zurückgesetzte untere Höhen und so weiter).


Klang:

Tonalität:

Wichtig ist für den richtigen Klang die korrekte Länge des Schallaustritts sowie die richtige
Einsetztiefe, zumindest habe ich das bei mir feststellen können. Dass sich das Ende des Schallaustritts sehr tief im Gehörgang befinden muss, idealerweise nach dem zweiten Knick des Gehörganges, sollte nach dem Abschnitt „Tragekomfort, Isolation“ klar sein.
Die korrekte Länge der Ohrpassstücke ist jedoch genauso wichtig, wenn nicht sogar noch etwas wichtiger. Wie bereits weiter oben beschrieben, verwende ich meinen ER-4S mit den standardmäßig aufgezogenen, großen Tannenbaumaufsätzen, die ich so modifiziert habe, dass sie in meinen großen Gehörgängen eine gute Abdichtung bilden, jedoch ihre Länge beibehalten. Mit anderen Aufsätzen (Einfach-Flansch und somit kürzere Länge des Schallröhrchens mit daraus resultierender tieferer Einsetztiefe) war der Klang in meinen Ohren tonal hörbar verfälscht und nicht so, wie er sein sollte (lediglich die langen Schaumstoffaufsätze von Etymotic klingen so ziemlich wie die Tannenbaumaufsätze in meinen Ohren).

„Der Witwenmacher“:
Der ER-4S ist über das gesamte Frequenzspektrum so neutral, dass er sehr viele In-Ears beim direkten Vergleichshören und dem vergleichenden Hören von Sinus-Sweeps als verfärbt und nicht
ganz so neutral wie beworben enttarnt (siehe dazu jedoch den obigen Abschnitt „Neutral = Neutral?“; es ist nämlich nicht so, dass die Hersteller nicht wüssten, was sie machen (zumindest in der Regel), sondern einfach eine andere Auffassung von (subjektiv empfundener) Neutralität bei Kopfhörern besitzen). Dies ging schon so weit, dass ich meinen UE900 (, den ich eigentlich sehr mag,) wegen seiner etwas dunklen, dicken Mitten ohne Präsenzbereich-Glanz mit einer hier im Vergleich zu seinem Hoch- und Tiefton geringeren Auflösung beinahe quer durch den Raum in die Ecke geworfen hätte (ja, das meine ich in der Tat ernst). Ähnlich verhielt es sich mit meinem UERM, der (mit Sinus-Sweeps aber auch bei der Wiedergabe von Musik) geringfügig wärmer und bassstärker klingt, in den mittleren Höhen eine Senke besitzt und generell im Hochton weniger gleichmäßig und natürlich als der Ety klingt (vielleicht hatte ich da aber auch einen schlechten Abend erwischt).

Aber erst einmal der Reihe nach: der Etymotic ER-4S ist messtechnisch als auch gehörmäßig extrem neutral in meinen Ohren und scheint sehr gut mit meinem Open Ear Gain/meiner HRTF zu harmonieren.
Die moderate Betonung in den unteren Höhen/oberen Mitten/dem Präsenzbereich ist in meinen Ohren beim Hören von Musik und Sinus-Sweeps nur recht gering ausgeprägt, die Mitten werden dadurch aber etwas direkter und auch mit der Zeit ein wenig ermüdend.

Beim Hören von Sinus-Sweeps und Rauschsignalen ist der alte Single-BA In-Ear der neutralste und am gleichmäßigsten klingende In-Ear in meinen Ohren – vom Tiefbass bis in den oberen Hochton gibt es keine Welligkeit, Senken oder schmalbandige (oder breitbandigere) Betonungen, abgesehen vom sehr moderat und gleichmäßig akzentuierten Präsenzbereich. Dies hat zur Folge, dass das Timbre extrem natürlich ist und alle Instrumente sowie Stimmen in meinen Ohren auf den Punkt genau und verfärbungsfrei klingen.

Der ER-4S zeigt einem erst (auch ohne nerdige Sinus-Sweeps und Hören von Rauschsignalen), wie viele In-Ears in den unteren und mittleren Höhen eine Senke besitzen. Der Ety hingegen ist hier in meinen Ohren perfekt neutral und weder unter- noch überbetont.
Dazu muss der Sitz zusammen mit den Aufsätzen jedoch stimmen und auch die Tonalität muss mit der eigenen HRTF übereinstimmen – bei mir scheint dies glücklicherweise weitestgehend der Fall zu sein.

Für viele Menschen wird der ER-4S mit großer Wahrscheinlichkeit zu langweilig, steril und vordergründig in den unteren sowie mittleren Höhen klingen, im Vergleich mit dem überwiegenden Großteil der In-Ears (auch derer, die recht ausgewogen abgestimmt sind).

Auflösung:

Klangtechnisch würde ich den ER-4S als leichtgängig, schnell, kohärent und für einen Single-BA In-Ear sehr gut auflösend beschreiben.
Besonders erwähnenswert ist sein exzellentes Ein- und Ausschwingverhalten (Transient Response) über den gesamten wiedergegebenen Frequenzbereich – so weicht unter anderem auch gen Tiefbass das untere Frequenzband nicht auf.

Für einen In-Ear mit einem einzelnen Treiber je Hörerseite ist das, was an Tonumfang, Bassqualität, Auflösung und Authentizität aus einem der ältesten In-Ears herauskommt, sehr beachtlich. Auch heute klingt der ER-4S noch immer sehr gut und man merkt ihm definitiv nicht an, dass die Technik schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat – sooo viel hat sich in Sachen Single-Driver In-Ears also definitiv gar nicht in den letzten Jahren getan und das Rad wurde auch nicht neu erfunden oder drastisch verbessert.
Von den meisten besseren In-Ears mit zwei bis vier Treibern wird der Etymotic dann in manchen Kategorien wie Auflösung und Bassgeschwindigkeit geschlagen (mal mehr und mal weniger deutlich und nicht immer unbedingt in allen Bereichen), was jedoch nicht bedeuten sollte, dass er schlecht wäre, denn das ist er keineswegs. Das Gesamtpaket aus Neutralität, Gleichmäßigkeit und Natürlichkeit im Hochton, Kohärenz, Bassqualität, räumlicher Darstellung (dazu gleich mehr) und Authentizität ist hier ohne zu übertreiben wirklich sehr gut gelungen. Und auch wenn andere In-Ears hier in Teilkategorien eine bessere Performance abliefern können, gibt es kaum einen, der in allen Wertungsbereichen eine insgesamt so gute und authentische Leistung wie der ER-4S bietet.

Bühnendarstellung:

Die Bühne des ER-4S ist in allen Dimensionen nicht unbedingt die größte, jedoch auch definitiv nicht
die kleinste. In ihrer Ausprägung erscheint sie relativ normal, durchschnittlich, bietet dafür hingegen ein in meinen Ohren ideal harmonierendes Verhältnis zwischen Breite und Tiefe und klingt perfekt rund und ausgewogen.
Instrumente im imaginären Raum werden sauber positioniert und auch die Tiefenstaffelung erfolgt präzise und ohne wirkliche Nebligkeit, dazu ist schon etwas Raum zwischen einzelnen Instrumenten zu erkennen, da diese recht sauber voneinander getrennt werden.

Im Vergleich zu anderen räumlich dreidimensional sehr gut spielenden In-Ears (Pai Audio MR3, InEar StageDiver SD-2, UERM) merkt man dem ER-4S schon eine geringe Nebligkeit an, die (mich zumindest) die meiste Zeit über nicht stört und eigentlich nur bei größeren Besetzungen und schnellerer sowie komplexerer Musik wirklich auffällt, wenngleich auch nicht unbedingt negativ.
Harmonisch, zusammenhängend und realistisch wirkt die Bühne hier definitiv.

Ganz ehrlich, ich mag die realistische und dreidimensionale Bühne des ER-4S sehr, denn ihr gelingt es, räumlich authentisch zu klingen, was sehr vielen In-Ears mit mehreren Treibern nicht so gut gelingt. Damit gehört der Etymotic definitiv zu meinen, was die räumliche Präsentation betrifft, favorisierten In-Ears.

Vergleiche mit anderen In-Ears:
Ist dies denn überhaupt fair? Jein. So sehr ich den ER-4S liebe und ihn sehr häufig beim stationären Hören von CDs teureren und technisch besseren Modellen vorziehe, muss und will ich nachfolgend so objektiv wie möglich bleiben.
Dies führte aber auch dazu, dass sich das Review immer mehr in die Länge zog und ich einfach nicht wirklich vorankam. Darum habe ich mich dazu entschlossen, einfach ganz knapp nur diejenigen Eigenschaften, bei denen ich mich sicher fühle, zu vergleichen. Deswegen habe ich manche Aspekte beim Vergleichen auch auslassen müssen – sonst hätte mein Review wohl noch bis zu ein weiteres Jahr bis zur Fertigstellung benötigt.

Ultimate Ears Reference Monitors:
Im Vergleich zum Etymotic ist der UE tonal gar keine so große Referenz, wie man annehmen könnte, obwohl der In-Ear dennoch sehr neutral klingt (wie gesagt, gibt es in Sachen Neutralität bei In-Ears aber unterschiedliche Auffassungen und auch kann sich die HRTF von Mensch zu Mensch recht deutlich unterscheiden, zudem merkte Ultimate Ears auch an, der UERM sei subjektiv neutral abgestimmt worden, und hier spielen Dinge wie der UE-Haussound (heller oberer Hochton) und die Kompensation von fehlendem Körperschall bestimmt auch eine Rolle).
Der an sich doch relativ neutrale UE, der merklich neutraler und verfärbungsärmer als die weitaus meisten In-Ears spielt, besitzt geringfügig mehr Bassquantität und unteren Grundton als der Etymotic und auch allgemein betrachtet. Sweept man den UE durch, kann man hören, dass er im Grundton geringfügig ansteigt und diese geringe „Betonung“ dann bis in den Tiefbass geradlinig aufrechterhält.
In den Mitten sind beide In-Ears tonal in meinen Ohren identisch; da der ER-4S jedoch im Präsenzbereich etwas vordergründiger spielt, wirkt er mit der Zeit etwas ermüdender, deckt Fehler und Unsauberkeiten in der Abmischung aber auch noch stärker und gnadenloser als der UERM auf.
Im Hochton ist der Ety gleichmäßiger – wo der UE eine gleichmäßige, moderate Senke im mittleren Hochton aufweist und dann im oberen Hochton um 10 kHz mit einer hellen und breitbandigen Betonung wieder mehr Pegel besitzt, als eigentlich neutral wäre, spielt der Ety einfach im gesamten Hochton geradlinig, eben, gleichmäßig und dadurch sehr realistisch – ja, im Vergleich klingt der UE im oberen Frequenzbereich etwas künstlich und um 10 kHz auch etwas effekthascherisch (was aber Kritik auf einem recht hohen Niveau darstellt – aber er ist im Hochton eben nicht so gleichmäßig und natürlich wie der Single-Driver ER-4S).
In Sachen Bassgeschwindigkeit und -kontrolle, Detailauflösung und Instrumentenseparation ist der UE schon ein ganzes Stück besser als der Etymotic und besitzt auch die sowohl breiten- als auch tiefenmäßig größere Bühne.
Obwohl der UERM in allen Kategorien außer der Tonalität also der merklich bessere In-Ear ist, spielt der Ety noch etwas neutraler („lebloser“) und besonders im Hochton gleichmäßiger, was ihn auch natürlicher erscheinen lässt.
Und um ehrlich zu sein, nutze ich meinen ER-4S aufgrund seiner noch etwas höheren Neutralität und Gleichmäßigkeit öfter als meinen maßgefertigten UERM. Gäbe es einen In-Ear, der so neutral wie der Ety spielte (jedoch mit geringfügig weniger Pegel im Präsenzbereich) und eine gleiche/ähnliche Bühnendarstellung besäße, jedoch technisch mindestens auf dem Niveau des UERM und mit einem universellen Gehäuse erhältlich wäre, hätte ich den für mich perfekten In-Ear gefunden.

Pai Audio MR3:
Der MR3 besitzt eine eher subjektiv empfundene Neutralität/Natürlichkeit/Balance, wie auch immer man es nennen möchte (die Bassquantität ist mit der des InEar StageDiver SD-2 identisch), mit einer eher moderaten Bassbetonung zum Ausgleich des Fehlens von Körperschall (-> Lautsprecher) und einem hellen Hochton – also etwas badewannig nördlich von neutral abgestimmt, somit aber auch sehr gut zum Leise-Hören geeignet. Im Vergleich zum ER-4S ist er schon etwas stärker gesoundet, im Vergleich zum UERM dann aber nicht mehr ganz so sehr und besitzt wirklich nur geringfügig mehr Bass und unteren Grunton als dieser und spielt in den oberen Höhen etwas weniger hell, bei etwas mehr Pegel in den mittleren Höhen.
Im Vergleich zum Ety ist er spaßiger, etwas wärmer, bassiger, heller, besitzt Stimmen die geringfügig im Hintergrund stehen und ist im Hochton auch nicht ganz so glatt/natürlich wie der ER-4S.
Dennoch würde ich den Pai insgesamt noch als relativ ausgewogen und natürlich bezeichnen.
Der Pai Audio In-Ear besitzt zudem, wie nur sehr wenige In-Ears, eine sehr schön räumliche und authentische Bühne, womit er hier dem ER-4S wieder ähnelt, aber größenmäßig noch etwas räumlicher aufspielt.

InEar StageDiver SD-2:
Der SD-2 kommt dem Ety in Sachen Gleichmäßigkeit im Hochton ziemlich nah, spielt hier jedoch dunkler und doch noch geringfügig ungleichmäßiger, was aber Kritik auf wirklich sehr hohem Niveau darstellt, so gehört der Hochton des ER-4S in meinen Ohren definitiv zu den gleichmäßigsten überhaupt.
Im Grundton und Bassbereich spielt der SD-2 vordergründiger und etwas wärmer als der ER-4S, ohne jedoch wirklich verfärbt zu klingen – er ist ein noch immer sehr ausgewogener In-Ear, der im Bass und Grundton mit dem Pai Audio MR3 identisch ist und dem Klang etwas mehr Wärme und Biss verleiht, ohne sich jedoch aufzudrängen.
Die Mitten sind beim SD-2 ein wenig wärmer/dunkler, was am etwas zurückgesetzten Hochton liegt.
Eine der großen Stärken des InEar StageDiver SD-2 ist seine schön dreidimensionale und authentische Bühne, die etwas größer als die des ER-4S, aber ebenso authentisch ist.

Shure SE425:
Der Shure ist eher der mittenbetonten Seite der Neutralität zuzuordnen.
Im Bassbereich ist der Shure dem ER-4S ziemlich ähnlich, besitzt jedoch geringfügig mehr Kickbass und Grundton. Die Mitten des SE425 sind in meinen Ohren etwas vordergründiger; danach befindet sich der Hochton geringfügig im Hintergrund und beginnt verhältnismäßig früh, abzurollen – der Hochtonumfang des ER-4S ist hier doch noch um ein gutes Stück besser.
Die Bühne des ER-4S ist in meinen Ohren größer, dreidimensionaler und auch authentischer als auch präziser.
Abgesehen vom einfacheren Einsetzen und Herausnehmen des SE425 würde ich den Etymotic dem Shure im Preisbereich bis 300€ definitiv jederzeit zum ernsthaften Hören von Musik vorziehen.

Phonak Audéo PFE 132:
Der Phonak besitzt einen Peak im oberen Hochton und davor eine Senke in den mittleren Höhen. Im Grundton und Bassbereich besitzt der Phonak etwas mehr Pegel und Wärme – dieser Eindruck wird auch durch den im Vergleich zum Etymotic etwas weicheren Bass verstärkt, denn der Phonak besitzt nur ungefähr so viel Bass und „Wärme“ wie der UERM.
Die Bühne des PFE 132 empfand ich persönlich noch nie als hundertprozentig realistisch klingend, so ist es wenig verwunderlich, dass der ER-4S auf mich hier räumlich präziser, authentischer und besser gestaffelt wirkt.
Der ER-4S löst etwas höher auf, besitzt den schnelleren als auch festeren Bass und die präzisere, authentischere Bühne.

Logitech UE900:
Die Mitten sind in meinen Ohren einer der sehr wenigen Schwachpunkte des UE900 – nicht nur die Qualität, sondern auch ein wenig die tonale Abstimmung betreffend. Einmal kam es vor, dass ich den UE900 beinahe quer durch den Raum geworfen hätte, nachdem ich nach dem Hören mit dem ER-4S einige Minuten später zum UE griff. Die etwas dunklen, warmen Mitten zusammen mit der (dennoch mehr oder minder moderaten) Senke um 5 kHz zusammen mit der im Vergleich zum Tief- und Hochton etwas hinterherhinkenden Auflösung sorgten hier einfach kurzzeitig für Frustration beim Hören. Aber gut, im Präsenzbereich ist der Ety auch etwas vordergründig wogegen der UE hier gleichmäßig und recht schnell abfällt, weshalb sich dieser Eindruck recht schnell nachvollziehen lässt.
Für Musik ohne Stimmen (hauptsächlich Elektro) bleibt der UE noch immer ein sehr gern genutzter Hörer – für den Rest hingegen eher nicht, was er aber auch davor nicht ganz war, zumindest bei komplexeren Rock- und Pop-Aufnahmen.
Der UE ist untenrum wärmer und dunkler klingend, mit den etwas warmen und dunkel angehauchten Mitten. Dies liegt daran, dass sein Bass und Grundton recht hoch, beinahe bis in den Bereich der „mittleren Mitten“, reichen, und erst dort abklingen. Der abfallende Präsenzbereich (obere Mitten) mit der Senke bei 5 kHz verstärkt diesen Eindruck nochmal.
Was die Bühne betrifft, spielt der UE in meinen Ohren ziemlich flach und nicht sonderlich tief. Das macht der ER-4S dann doch noch ein ganzes Stück besser und insbesondere wesentlich authentischer.

UPQ Q-music QE80 (OEM-Version des Fidue A83):
Wer hier einen wirklich detaillierten Kopf-an-Kopf Vergleich erwartet, wird enttäuscht sein, denn In-Ears mit unterschiedlichen Treiber-Konzepten (beim QE80 handelt es sich um einen hybriden In-Ear, der für den Bassbereich einen dynamischen Treiber einsetzt) vergleiche ich einfach nicht (gern) auf der technischen Ebene, des anderen Charakters wegen (das wäre für mich so, als verglich ich einen Kampfjet mit einem Ultraleichtflugzeug, ein Skateboard mit einem Longboard oder eine Gabel mit einem Löffel).
Der UPQ ist viel stärker gesoundet und wie die Mehrzahl der hybriden In-Ears badewannig abgestimmt (betonter Bass- und Hochtonbereich).  Darauf will ich aber hier eigentlich gar nicht eingehen, sondern die Konzentration auf die Hochtonnatürlichkeit lenken: klar, das obere Frequenzband des QE80 ist hörbar gleichmäßig ansteigend betont und Instrumente wie Trompeten werden etwas verfälscht reproduziert, aber der UPQ gehört zu den wenigen In-Ears mit BA-Treibern, deren Hochton in meinen Ohren (trotz Betonung) ziemlich gleichmäßig und glatt klingt (zwar nicht so natürlich, glatt und gleichmäßig wie beim ER-4S, dennoch recht nah dran). Der Ety klingt also weitaus weniger verfärbt im Hochton, aber beide sind ähnlich gleichmäßig und Peak-frei.
Der Grund, weshalb ich diesen In-Ear überhaupt mit in den Vergleich aufgenommen haben, liegt einfach daran, die ähnliche Ebenheit/Gleichmäßigkeit im Hochton mit einzubringen (der ER-4S Hochton ist flach-neutral, der des UPQ ansteigend-hell-gleichmäßig). Dabei möchte ich es auch belassen.


Fazit:

Grand Daddy ER-4S is still King.
Tonal ist er so ziemlich der perfekteste In-Ear für mich, wenn ich es sehr neutral mag (was stationär
so gut wie immer der Fall ist). Klar, mehr Auflösung, Bassgeschwindigkeit und -festigkeit sowie eine schärfere Instrumentenseparation wären noch als Upgrade drin; in Sachen Natürlichkeit, Neutralität und Hochton-Natürlichkeit/-Gleichmäßigkeit ist der ER-4S jedoch so ziemlich die Referenz schlichthin – und das trotz seines Alters.
Der Ety lässt mich die ganze In-Ear- und Kopfhörer-Szene auch gelassener sehen.
Gäbe es einen In-Ear mit mehreren akustischen Wegen, der rein auf Balanced Armature Treiber setzt und die Neutralität, Bühnendarstellung, Natürlichkeit sowie Gleichmäßigkeit im Hochton des ER-4S beibehält, diese jedoch um eine schärfere Instrumentenseparation, einen festeren und schnelleren Bassbereich sowie eine höhere Auflösung erweitert und alles in ein universelles Gehäuse packt, wäre der für mich perfekte In-Ear geschaffen. Am besten wäre es natürlich, er käme direkt von Etymotic Research, was leider aber wohl nicht passieren wird.

Verwende ich andere meiner neutralen/relativ ausgewogenen In-Ears (Shure SE425, InEar StageDiver SD-2, Fischer Amps FA-3E, Logitech UE900 und UE900(S), Pai Audio MR3, Ultimate Ears Reference Monitors) deshalb weniger häufig als früher? Beim stationären Einsatz definitiv, denn als extrem neutrales Gesamtpaket ist der ER-4S einfach perfekt (zumindest für mich), auch wenn die meisten der anderen Multi-Treiber In-Ears ihm in manchen Kategorien überlegen sind (, in der Summe aber nicht das gleiche Gesamtpaket abliefern können).

Als Gesamtpaket mit einem neutralen und (für einen Single BA In-Ear) technisch sehr guten Klang ist der ER-4S ein Produkt, das ohne Schwierigkeiten 5 von 5 möglichen Sternen in der Gesamtwertung erhält.
Verbesserungsvorschläge? Lediglich der Einsatz eines Kinnschiebers am Kabel wäre eine begrüßenswerte Sache und gegebenenfalls minimal weniger Präsenz im Präsenzbereich.

So, nun ist das Review nach etwa acht Monaten endlich vollendet. :-)