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Pai Audio MR1: Ein guter Ansatz mit ein paar Mängeln in der Durchführung - [Review] 🇩🇪

Prolog:

Pai Audio (http://www.paiaudio.com/indexEn.asp) ist eine noch relativ junge chinesische Firma mit
dem Firmensitz in Shenzhen, die 2014 gegründet wurde und sich auf die Herstellung von In-Ears spezialisiert hat. Laut eigenen Angaben besteht das dreizehnköpfige Team unter anderem aus nationalen Elite-Entwicklern aus dem Audiobereich.

Es ist schön zu sehen, dass Pai Audio, die auch Direktvertrieb bei ebay und hauptsächlich AliExpress betreiben, langsam wachsen und auch kontinuierlich ein internationales Netzwerk von Händlern, welche die Produkte der Firma führen, aufbauen.

Begonnen hat meine Reise mit Pai Audio mit dem MR3 (mein Review findet sich hier), den ich ohne vorherige Testberichte (die es zu dem Zeitpunkt schließlich nicht gab) blind gekauft hatte und sehr positiv überrascht wurde, denn trotz seines vergleichsweise geringen Preises von unter 200$ konnte er mit einigen westlichen Modellen, die bis zu doppelt so viel kosteten, ganz gut mithalten (meinen Shure SE425 übertraf er sogar recht mühelos) und bot eine sehr überzeugende Bühnendarstellung und Authentizität. Reviews der weiteren Pai Audio Produkte folgten.
Nun hat Pai Audio ein neues Einsteiger-Modell präsentiert, nämlich den MR1, der ein Single-BA In-Ear ist, also je Hörerseite einen Balanced Armature Treiber verwendet. Nach dem erfolgreichen Probe-Lauf in China ist nun die finale Version fertiggestellt.

Wie sich der MR1 klanglich schlägt, wird dieses Review zeigen.


Alex von Pai Audio hat mich kontaktiert und gefragt, ob ich Lust hätte, die In-Ears zu erhalten und einem ehrlichen und unbefangenen Test zu unterziehen, und natürlich hatte ich Interesse.


Technische Daten:

Preis: ~ 59$
Treiber: 1; Balanced Armature (Knowles ED 29689)
Frequenzgang: 20 Hz – 16 kHz
Empfindlichkeit: 106 dB/mW
Impedanz: 27 Ohm
Maximaler Schalldruck: 122 dB SPL
Leistungsaufnahme (RMS): 0.75 V
Kabellänge: 1,3 m


Lieferumfang:

Die endgültige Versandverpackung war zum Zeitpunkt des Reviews noch nicht verfügbar. Was ihr hier seht, ist also eine Übergangslösung und sobald ich Bilder der endgültigen Verpackung habe, werde ich diese meinem Review möglicherweise hinzufügen.

Der MR1 erreichte mich mit einem Kleidungsclip, zwei Paaren an Silikonaufsätzen mit zwei Lamellen, einem Paar an kleinen Silikonaufsätzen mit einer Lamelle sowie einem Paar an großen Silikonaufsätzen mit ebenfalls einer Lamelle. Obwohl ich persönlich die größten Silikonaufsätze benötige, wäre eine zusätzliche mittlere Größe für manche Menschen sicherlich von Vorteil.




Optik, Haptik, Verarbeitung:

Die In-Ears sind in der Tat sehr klein und besitzen eine starke optische Ähnlichkeit zum Klipsch X10. Die Gehäuse aus silberfarbenem Metall weisen die Seitenmarkierungen sowie „MR1“ Beschriftungen auf.

Das Kabel ist ziemlich flexibel und besitzt sowohl am geraden 3,5 mm Klinkenstecker als auch direkt an den In-Ears einen guten Knickschutz, welcher leider, wie auch ein Kinnschieber, am Y-Splitter fehlt.

Die Silikonaufsätze sind ziemlich weich und besitzen praktischerweise integrierte Größenangaben.






Tragekomfort, Isolation:

Die In-Ears sind wirklich sehr klein und lassen sich dadurch auch sehr einfach einsetzen. Dennoch ist es aufgrund des Designs vorgesehen, die In-Ears sehr tief in den Ohren zu tragen, nämlich nach der zweiten Biegung im Gehörgang, welcher hier in den knochigen Teil übergeht. Menschen, die mit

einer solch tiefen Trageweise noch nicht vertraut sind, könnten anfangs Schmerzen oder ein unangenehmes Gefühl empfinden.
Da ich durch den Etymotic ER-4S mit dieser sehr tiefen Trageweise vertraut bin, stellt sie auch beim MR1 keine Probleme für mich dar und die In-Ears verschwinden, von den Seiten und von vorn betrachtet, in meinen Ohren.

Der Tragekomfort ist für mich wirklich gut und ich trage den MR1 mit den Kabeln über den Ohren, wozu ich auch generell rate, da dadurch Kabelgeräusche drastisch minimiert werden. Ein Kinnschieber wäre hier aber zur gänzlichen Eliminierung von Mikrofonie doch von Vorteil gewesen.

Die Geräuschisolation ist definitiv besser als durchschnittlich, könnte aber nichtsdestotrotz minimal besser für einen geschlossenen BA In-Ear sein.
Mit anderen Aufsätzen könnte sich die Isolation möglicherweise noch geringfügig zum Besseren ändern.


Klang:

Zum Hören nutze ich hauptsächlich den iBasso DX80, DX90 sowie HiFime 9018d.

Zum Hören nutzte ich die größten inkludierten Silikonaufsätze mit einer Lamelle, da jene mit zwei keinen ausreichenden Seal generierten.

Tonalität:

Ein guter Seal mit einem tiefen Einsetzen der In-Ears ist für den empfundenen Klang maßgeblich verantwortlich. Typisch für In-Ears mit BA Treibern muss der Seal sehr gut sein, sonst gibt es keinen/kaum Bass.

Im Vergleich zu neutraleren In-Ears wie dem Etymotic ER-4S oder SoundMAGIC PL 50, der ebenfalls eine neutralere Richtung einschlägt, klingt der MR1 bassiger sowie wärmer im Tiefton und besitzt vordergründige, etwas ermüdende Mitten sowie einen etwas entspannten mittleren sowie oberen Hochton.

Die Betonung im Bassbereich beginnt bei etwa 600 Hz und erreicht ihren Höhepunkt bei 180 Hz, nichtsdestotrotz ist der Grundton bereits recht voluminös und warm klingend. Im Tiefbass unterhalb von 35 Hz fällt der Pegel dann ab (oder viel früher, sofern man keinen guten Seal erreicht). Im Vergleich zu einem sehr neutralen In-Ear wie dem Etymotic ER-4S ist der Tiefton um ca. 5 dB angehoben, dennoch können der Bass- und Grundtonbereich manchmal als etwas stärker angehoben erscheinen, was daran liegt, dass der Tiefton nicht unbedingt der schnellste ist (mehr dazu später). Der MR1 ist also definitiv kein bassarmer oder dünn klingender In-Ear, obwohl er doch weniger Bass als die meisten dynamischen In-Ears in diesem Preisbereich besitzt.
Aufgrund der früh beginnenden Betonung im Grundton besitzen tiefe Stimmen eine gewisse Fülle und Wärme, ohne jedoch verfärbt zu klingen. Im Bereich der Stimmen gibt es einen moderaten Anstieg gen 3 kHz, der diese nicht hell, jedoch vordergründig und zeitweise etwas anstrengend erscheinen lässt und nach einer gewissen Zeit zu Ermüdungserscheinungen des Gehirns führt.
Danach nimmt der Hochton ein gutes Stück an Quantität ab und befindet sich auf der entspannteren Seite.
Dadurch, dass es jedoch davor einen Anstieg gen 3 kHz gibt, verstärkt der zurückgesetzte Bereich nach 3 kHz den Eindruck der etwas drückenden und ermüdenden Mitten nur noch umso mehr. Während mein geliebter Etymotic ER-4S ebenfalls einen etwas drückenden/ermüdenden Mittelton aufgrund seiner moderaten Betonung in diesem Bereich besitzt, klingt er doch korrekter als auch tolerierbarer und nur geringfügig ermüdend, da bei ihm der Hochton nach 3 kHz auf den Punkt genau neutral und nicht zurückgesetzt ist. Beim MR1, dessen Hochton sich hingegen auf der dunkleren Seite nach 3 kHz befindet, klingt dieser Bereich im Vergleich jedoch manchmal etwas „falsch“ und auch bereits nach kurzer Zeit recht ermüdend. Meiner Meinung nach müsste der MR1 entweder mehr Pegel zwischen 3 und 10 kHz oder einen abfallenden Pegel zwischen 1 und 3 kHz besitzen.
Oberhalb von 8,5 kHz fällt der Hochton dann direkt steil ab, also sollte man nicht mal im Geringsten subtiles Glitzern im Superhochton oberhalb von 10 kHz erwarten (nun, ein Single-BA In-Ear besitzt seine physikalischen Grenzen, aber ich kenne einige Single-BA Modelle, die im Hochton doch etwas später abzufallen beginnen). Hi-Hats klingen dementsprechend auch recht bedämpft.

Meist ist das Timbre korrekt und natürlich, dennoch kommt es von Zeit zu Zeit vor, dass manche weibliche Stimmen und solche, die fälschlicherweise im Mix etwas zu dünn abgemischt wurden, etwas dünn und sogar schon nasal klingen, was am in Relation zum mittleren und oberen Hochton geringfügig zu vordergründigen unteren Hochton liegt. Oder lag dies etwa nur an einer Einsetztiefe, die nicht ausreichend war? Möglich ist dies ebenfalls. Wie dem auch sei, dieser Fall der nasalen Stimmen trat beim Hören nur extrem selten ein, dennoch könnte der Bereich zwischen dem Mittel- und Hochton manchmal gern etwas anders abgestimmt sein.

Insgesamt würde ich den MR1 definitiv eher als In-Ear für Mittenliebhaber bezeichnen. Und obwohl ich (meist) seine Tonalität auch recht mag, kann der Mittelton gelegentlich zu vordergründig und anstrengend sein, vergleichbar mit dem des Shure SE425 (welcher dann aber doch nicht ganz so anstrengend wie der Pai ist) – ich wünsche mir wirklich, der Pai hätte zwischen 3 und 10 kHz mehr ausgleichende Hochtonenergie.

Auflösung:

Der MR1 besitzt einen recht detaillierten Mittel- und Hochtonbereich. Seine Sprachverständlichkeit,
Detailauflösung und das Einschwingverhalten in diesem Bereich sind gut und obwohl er nicht der detaillierteste Single-BA In-Ear ist, stellt sich seine Auflösung als für den Preis angemessen dar.
Besonders der Mittelton ist der Star der Show und ziemlich detailliert sowie gut texturiert.
Was mich dann noch, wenngleich negativ, überrascht hat, ist der Bassbereich, welcher ziemlich weich und langsam für einen In-Ear mit Balanced Armature Treibern ist, wodurch der Tiefton eher voluminös und körperhaft spielt und auch gen Tiefbass weiter aufweicht. Dies sorgt dafür, dass der Bass- und Grundtonbereich manchmal auch als etwas vordergründiger wahrgenommen wird, als er eigentlich ist. Während die Kontrolle noch immer gut und eines BA-Treibers würdig ist, ist der Bass für einen solchen einfach etwas zu weich und langsam ausschwingend. Menschen, die den Charakter dynamischer Treiber mögen, werden den MR1 wahrscheinlich auch im Tiefton aufgrund seines Körpers mögen; ich hingegen hätte mir einen festeren, schnelleren, BA-typischeren Bassbereich beim Pai gewünscht.

Insgesamt ist die Detailauflösung also sehr solide und gut, aber der Bassbereich könnte und sollte für einen BA-Treiber ein gutes Stück fester sowie schneller sein.

Räumliche Darstellung:

Die meisten Single-BA In-Ears neigen dazu, eine eher kompakte, dafür jedoch recht runde und
dreidimensionale Bühne zu erzeugen.
Beim MR1 war ich ziemlich ob der räumlichen Breite überrascht, denn die Bühne des Pai verlässt doch tatsächlich etwas meinen Kopf. Die Instrumentenseparation ist ebenfalls ziemlich gut als auch präzise und die Bühne bleibt auch bei schnellerem oder dichter besetztem Musikmaterial kontrolliert.
Obwohl ich die Bühne als relativ realistisch und authentisch beschreiben würde, mangelt es ihr doch geringfügig an räumlicher Tiefe, wenn man diese mit der seitlichen Ausdehnung vergleicht. Es gibt schon etwas Tiefe, doch müsste diese etwas präsenter sein, um einen ideal dreidimensionaleren Raum zu erzeugen.

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Im Vergleich mit anderen Single-BA In-Ears:

Earmax ER-580:
Der Earmax besitzt den neutraleren Bassbereich, der jedoch auch recht früh abzufallen beginnt (der MR1 besitzt also den besseren Tieftonumfang). Der ER-580 besitzt den dunkleren wenngleich nicht wärmeren Mittelton. Im unteren Hochton unterhalb von 4 kHz klingt der Earmax dunkler, besitzt jedoch insgesamt den besseren Hochtonumfang und ist in den oberen sowie oberen mittleren Höhen etwas heller – beim ER-580 kommen Becken noch recht gut zur Geltung wohingegen diese beim MR1 etwas bedeckt klingen.
Der ER-580 besitzt den schnelleren sowie festeren Bass, während beide In-Ears im Mittel- sowie Hochton gleichwertig auflösen.
Was die Bühne betrifft, ist diese beim Earmax etwas schmaler, besitzt jedoch mehr räumliche Tiefe und klingt dadurch dreidimensionaler. Beim Pai Audio ist die Instrumententrennung etwas präziser.

MEE A151 (zweite Generation):
Der MEE besitzt den weniger stark ausgeprägten Bassbereich sowie den dunkleren wenngleich nicht wärmeren Mittelton. Der MR1 rollt im Bassbereich später ab. Im Hochton ist der MEE der geringfügig dunkler aufspielende In-Ear, besitzt jedoch den besseren Tonumfang und gibt Becken um 9 kHz noch ordentlich wieder wohingegen diese beim Pai bedämpft klingen und steil abfallen.
Der MEE besitzt den festeren, schnelleren Tiefton während der MR1 im Mittelton etwas besser auflöst. Im Hochton hingegen ist der MEE geringfügig detaillierter als auch differenzierter.
Die Bühne des A151 ist ein wenig schmaler, besitzt jedoch auch hörbar mehr räumliche Tiefe und klingt dreidimensionaler sowie runder. Auch ist die Bühne des A151 ein wenig präziser und generiert die bessere Leere um und zwischen Instrumenten.

SoundMAGIC PL 50:
Der PL 50 ist der neutralere In-Ear zwischen den beiden, mit dem geringer ausgeprägten Bassbereich, der nur ein wenig oberhalb dessen des ER-4S liegt. Ebenso besitzt der SoundMAGIC lediglich eine moderate Neigung zum Dunklen in den mittleren sowie oberen Höhen.
Vergleicht man beide, ist der MR1 der bassigere In-Ear, welcher ebenfalls den anstrengenderen, ermüdenderen Mittelton besitzt, der jedoch im Gegensatz zu dem des PL50 nicht dessen geringe Wärme besitzt. Im mittleren sowie oberen Hochton ist der Pai der etwas dunklere In-Ear.
Der PL 50 besitzt den schnelleren sowie festeren Bass und löst auch insgesamt etwas besser auf.
Was die Bühne angeht, ist die des MR1 breiter, wohingegen die des SoundMAGIC mehr räumliche Tiefe generiert (aber auch etwas breiter als tief spielt). Der MR1 besitzt die geringfügig schärfere Instrumententrennung.


Fazit:

Ich würde sagen, dass die Tonalität mit den etwas drückenden, direkt spielenden Mitten eine „love it or hate it“ Signatur darstellt und entweder ein Treffer oder eine Niete ist. Bei seicht besetzten Aufnahmen mit Stimmen im Fokus und weniger als drei Instrumenten merkt man eigentlich den etwas vordergründigen Mittelton gar nicht so wirklich, was sich jedoch bei dichter besetzten Aufnahmen schlagartig ändern kann.
Wäre der Präsenzbereich mit seinem moderat ansteigenden Frequenzband gen 3 kHz flacher, erschienen die Mitten nicht gelegentlich anstrengend, wie sie beim MR1 momentan sind, wodurch er sich meiner Meinung nach für Mittenliebhaber besonders eignet.

Während die Detailauflösung im Mittel- und Hochton auch recht gut ist und der MR1 eine schön breite (aber weniger tiefe) und präzise Bühne besitzt, könnte der Hochtonumfang besser sein und auch der Tiefton würde von einem guten Stück mehr Geschwindigkeit als auch Festigkeit profitieren – immerhin wird ein üblicherweise knackig und schnell spielender BA Treiber verwendet. Obendrein könnte das Kabel einen Kinnschieber besitzen und mittelgroße Ohrpassstücke wären auch nicht allzu verkehrt, neben einem Aufbewahrungsetui.


Alles in Allem komme ich zu einem abschließenden Ergebnis von 65,4% oder 3,27 von 5 möglichen Sternen, obwohl ich den MR1 ganz persönlich manchmal geringfügig mehr mag.