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Mixcder ANC-G5: Günstige In-Ears mit aktiver Geräuschunterdrückung (ANC) - [Review] 🇩🇪

Prolog:

In einem amerikanischen Audio-Forum entdeckte ich eines Tages einen Thread, in dem Grace nach Reviewern für einen Kopfhörer namens „Mixcder ANC-G5“ suchte. Von dieser Firma (http://www.mixcder.com/) hatte ich bis dato noch nie etwas  gehört, aber wie es scheint, stellt die Firma Mixcder, die hauptsächlich günstige Audio-Produkte produziert, auch OEM Produkte im Auftrag anderer Hersteller her und besitzt im Team einen Mitarbeiter mit mehr als 20 Jahren Erfahrung in der Kopfhörerindustrie, was ein gutes Zeichen ist und mich hoffen lässt, dass der ANC-G5 recht gut abgestimmt ist und wenigstens halbwegs brauchbar klingt.
Der Hauptgrund, weshalb mein Interesse an diesem Produkt geweckt wurde, liegt darin begründet, dass trotz des relativ geringen Preises ein aktives Geräuschunterdrückungs-Modul eingebaut ist. Das grundlegende Funktionsprinzip von aktiver Geräuschunterdrückung, kurz ANC, besteht darin, dass ein Mikrofon zusammen mit einem Verstärker die Schallwellen der Umgebung invertiert und diese verzögerungsfrei von den Kopfhörern wiedergegeben werden. Diese invertierten Schallwellen mischen sich dann mit dem echten Schall der Umgebung und das Negativ-Signal neutralisiert die Schallwellen, wodurch diese im besten Fall gänzlich ausgelöscht werden. Im realen Einsatz ist dies dann aber doch nicht ganz so trivial und funktioniert am besten bei statischem Lärm, wie er etwa in einem Flugzeug oder Zug auftritt.
Zurzeit habe ich nicht viel Erfahrung mit ANC Produkten, habe jedoch mehrmals diverse Bose Quiet Comfort Kopfhörer hören können, bei denen die aktive Geräuschunterdrückung auch wirklich gut funktionierte und im aktiven Modus Umgebungsgeräusche zuverlässig auslöschte. Dennoch habe ich ein Paar Bedenken beim ANC-G5, da es sich um In-Ears handelt und ich mir nicht sicher bin, ob es für den Hersteller zur reinen Geräuschunterdrückung sinnvoller gewesen wäre, auf gänzlich geschlossene, passive In-Ears zu setzen (selbst im niedrigen Preisbereich gibt es (wenngleich auch wenige) Modelle, wie etwa den UE200, die gänzlich geschlossen sind und enorm gut isolieren, sofern man sie korrekt einsetzt).


Erhältlich ist der Mixcder ANC-G5 auch auf Amazon: http://amzn.to/2aYzH9U



Technische Daten:

Preis: ~ 59.99$
ANC: Ja
Headset-Funktion: Ja
Bluetooth: Nein
Anschluss: 3,5 mm Klinkenstecker
Treiber: dynamisch, 14 mm, Neodym
Frequenzgang: 20 Hz – 10 kHz
Impedanz: 32 Ohm
Empfindlichkeit: 96 dB
Ladezeit: 1,5 – 2 Stunden
Akkulaufzeit: bis zu 8 Stunden
Gewischt: 26 g


Lieferumfang:

Die In-Ears kommen in einer schwarzen Pappschachtel mit goldfarbenen Buchstaben. Im Inneren findet man neben einer Bedienungsanleitung, einer Garantie-Verlängerungskarte, einem sehr schönen Aufbewahrungsetui, drei Paaren an Silikonaufsätzen und dem Ladekabel natürlich noch die In-Ears selbst vor.









Optik, Haptik, Verarbeitung:

Die dreieckigen Faceplates, Stopper der Ohrschlaufen und die Hülle des 3,5 mm Klinkensteckers sind
aus Metall gefertigt; der Rest besteht aus Plastik. Dennoch ist der gesamte Eindruck überraschend positiv und hochwertig mit dem schönen metallisch silbernen/grauen Finish.

Die In-Ears befinden sich eher auf der größeren Seite und besitzen zahlreiche Belüftungsöffnungen in ihren Gehäusen, sowie ein metallisches Gitter, welches zwei dieser bedeckt. Insgesamt würde es mich nicht wundern, handelte es sich bei einem dieser Löcher um ein Mikrofon für das ANC, aber wer weiß das schon. Wahrscheinlicher hingegen ist, dass das Sprachmikrofon im Y-Splitter auch für das ANC zuständig ist.
An den In-Ear Gehäusen befindet sich zudem eine variable Schlaufe, welche den Sitz in den Ohren verbessern kann. Eine sehr ähnliche Schlaufe befindet sich beispielsweise auch an den B&W C5 In-Ears.

Der Y-Splitter ist ziemlich groß und beherbergt die für das ANC notwendige Elektronik. Auf ihm kann man einen Schalter zum (De-/) Aktivieren der Geräuschunterdrückung, eine kleine ANC-Indikator-LED, einen Knopf zum Annehmen von Telefonaten, an der Seite eine Ladebuchse und auf der Rückseite einen Clip finden.

Das Kabel des Y-Splitters ist mit Nylon ummantelt, was zwar nett aussieht, jedoch mit der Zeit höchstwahrscheinlich ausfranst, weswegen ich eine solche Ummantelung bei Kopfhörern eigentlich nicht mag. Oberhalb des Y-Splitters besteht das Kabel aus gewöhnlichem Gummi und ist recht flexibel. Leider gibt es keinen Kinnschieber.
Was man nicht immer in diesem Preisbereich sieht, aber dennoch schön ist, ist die Präsenz von Knickschutz an allen Übergängen.















Tragekomfort, Isolation:

Die In-Ears sind dazu gedacht, mit dem Kabel nach unten getragen zu werden.
Nach dem Einsetzen kann man die Größe der Schlaufen anpassen, um einen noch besseren Halt zu erzielen, was meiner Meinung aber gar nicht notwendig ist, da die In-Ears auch so bereits sehr gut in meinen Ohren sitzen. Nichtsdestotrotz hätte ich mir einen Kinnschieber gewünscht.
Leider sind Kabelgeräusche bei dieser Trageweise recht stark ausgeprägt, lassen sich jedoch beinahe gänzlich eliminieren, wenn man die Kabel noch zusätzlich um die Ohren führt.

Ohne aktiviertes ANC ist die Geräuschunterdrückung schlechter als durchschnittlich und recht schwach ausgeprägt.


Aktive Geräuschunterdrückung:

Wie zu erwarten war, funktioniert das ANC wirklich gut bei statischen, tieffrequenten Geräuschen, wie etwa dem Lüftergeräusch eines Computers, dem Geräusch aufkochenden Wassers in einem Wasserkocher oder dem Fahrtgeräusch eines Zuges. Höherfrequente Geräusche wie etwa Tastaturklappern, sprechende Menschen oder das Klicken von Computermäusen werden hingegen so gut wie gar nicht abgeschwächt.
In meinem Büro verschwinden Lüftergeräusche gänzlich und auch das Fahrtgeräusch in einem Zug ist annähernd gänzlich verschwunden, wenn ich das ANC einschalte. Dennoch kann ich noch immer die Geräusche meiner Tastatur oder sprechende Menschen hören. Zu urteilen, ob dies nun gut oder schlecht ist, sei euch überlassen – ich werte diese Eigenschaft der In-Ears einfach mal als neutral. Wer im Mittel- und Hochton jedoch eine gute Isolation sucht, ist womöglich bei gut isolierenden passiven In-Ears wie etwa dem Logitech UE350 besser aufgehoben.

Bei aktivierter aktiver Geräuschunterdrückung wird die Lautstärke der Musik übrigens um ziemlich exakt 3 dB angehoben. Der Frequenzgang bleibt glücklicherweise jedoch unangetastet und auch auf etwaige Unannehmlichkeiten wie hohle Stimmen von umstehenden Personen verzichtet der In-Ear bei aktiviertem ANC, was ich als richtig gut erachte.

Positiv erwähnenswert ist auch, dass das Rauschen, welches bei aktiviertem ANC durch das Verstärkermodul auftritt, nur sehr gering ausfällt und auch nur hörbar ist, wenn keine Musik wiedergegeben wird.

Insgesamt bin ich ziemlich positiv vom ANC überrascht, auch wenn etwas mehr passive Geräuschunterdrückung im Hoch- und Mittelton meiner Ansicht nach wirklich nicht verkehrt wäre.


Klang:

Zum Hören nutze ich hauptsächlich den Shanling M2, meinen iPod Nano 7G und schließlich den LH Labs Geek Out IEM 100.
Die größten beigelegten Silikonaufsätze dienten zum Hören und den folgenden Impressionen.
Zum kritischen Hören blieb das ANC deaktiviert.

Tonalität:

Zusammenfassen lässt sich der Klang kurz als füllig, sehr bassig, voluminös und etwas dröhnend.

Überraschenderweise deuten Messungen und der Gegencheck mit einem Equalizer an, dass der Tiefton „nur“ um 12 dB angehoben ist, wenn man ihn mit einem sehr linearen In-Ear wie dem Etymotic ER-4S vergleicht, dennoch erscheint der Bassbereich vordergründiger und dominanter, da er nicht der schnellste ist (mehr dazu im Abschnitt „Auflösung“) und bereits zwischen 100 und 200 Hz eine recht starke Betonung vorliegt.

Von etwa 700 Hz abwärts beginnt der Tiefton pegelmäßig mit einer eher buckligen Form als geraden Linie anzusteigen, mit einer bereits zwischen 100 und 200 Hz recht starken Betonung und einem Klimax, der sich etwas oberhalb von 100 Hz lokalisieren lässt. Von da an bleibt die Betonung bis 30 Hz erhalten und verliert nur geringfügig an Präsenz gen 20 Hz, dennoch klingt der In-Ear subjektiv stärker Midbass- als Tiefbass-fokussiert.
Der Mittelton wird insgesamt etwas vom starken Bass überdeckt, dennoch ist die Tonalität hier nicht zu sehr verdreht und überraschenderweise sind Stimmen nur moderat auf der wärmeren, volleren Seite angesiedelt. Ja, insgesamt ist der Mittelton, ziemlich zu meiner Überraschung, tonal ziemlich ausgewogen und definitiv nicht zu warm oder voluminös – im Gegensatz zum Bass.
Zwischen 1 und 2 kHz kann ich eine nur geringe Senke ausmachen, wenn ich einen Sinusgenerator verwende. Von 3 kHz an bis 10 kHz steigt der Pegel gleichmäßig an und rollt oberhalb von 10 kHz auch gleichmäßig gen 12 kHz ab. Anders als bei einigen anderen In-Ears in diesem Preisbereich ist der Hochton also sehr eben und gleichmäßig ansteigend, wirkt aufgrund des starken Basses bei wiedergegebener Musik jedoch nicht wirklich hell.

Persönlich denke ich, dass der Klang insgesamt natürlicher und realistischer wäre, sofern sich der Klimax der Bassbetonung etwas tiefer befände, da der Tiefton bereits im Oberbass sehr präsent ist und der Bassbereich somit eigentlich immer im Vordergrund steht und nicht nur, wenn er es soll. Nur zur späteren Referenz, mit der Menge der Bassbetonung habe ich persönlich keine Probleme, jedoch ein wenig damit, wie und wo sie stattfindet.
Und befände sich der Höhepunkt im tieferen Midbass oder gar Tiefbass, stellte die Tonalität eine ziemlich perfekte Badewanne mit einer Betonung nur der äußeren Beiden Frequenzenden dar.
Dies soll jetzt keine große Kritik darstellen sondern eher als Anregung dienen, denn es gibt (leider) nur extrem wenige In-Ears in diesem Preisbereich, deren Bassbetonung sehr weit unten stattfindet.

Auflösung:

Man kann es womöglich schon erahnen, aber den ANC-G5 kauft man nicht unbedingt aufgrund seiner klangtechnischen Stärken, sondern aufgrund seiner aktiven Geräuschunterdrückung.

Dementsprechend erreicht die Detailauflösung nicht das Niveau, das man bei ca. 60$ erwarten könnte, aber angenommen, der Preis setzt sich zur Hälfte aus dem ANC und zur Hälfte aus den In-Ears zusammen, ist der Gegenwert nicht mehr ganz so schlecht, wie er gewesen wäre, gäbe es beim gleichen Preis kein ANC.
Mein hauptsächlicher Kritikpunkt bezieht sich auf den Bass: was seine Qualität anbelangt, hätte ich hier doch etwas mehr erwartet. Der Tiefton ist eher schwammig, langsam und auch eher undefiniert. Er dröhnt jetzt nicht übermäßig, dennoch würde man eine solche Performance eher bei einem 10$ In-Ear erwarten und tolerieren. Nun, wenigstens wird er mit komplizierteren Aufnahmen nicht nochmals deutlich weicher, auch wenn sein Midbass als auch Tiefbass merklich weicher als der Oberbass klingen.
Auch ich weiß manchmal einen (sehr) bassigen Kopfhörer zu schätzen, obwohl ich hauptsächlich jemand bin, dem ein neutraler Klang (zumindest (semi-) stationär) mehr liegt. Und hier würde ich mir vom Mixcder dann doch mehr Qualität wünschen.
Im Hochton wären mehr Differenzierung und Details definitiv ebenfalls nicht verkehrt. Außerdem klingen die Höhen etwas eintönig und auch nicht sonderlich gut getrennt.
Im Mittelton ist das Detailniveau hingegen okay. Nicht zu schlecht, aber definitiv auch nicht wirklich gut. Wie auch beim Bass und Hochton fehlt es ihm einfach etwas an Definition, Differenziertheit und nicht zuletzt Detailauflösung.

Insgesamt ordne ich den Klang technisch mehr oder minder in die Liga des KZ ATE ein. Beide In-Ears sind mal hier und mal da besser aber insgesamt etwa gleichauf.
Der Klang ist nicht ganz so schlecht, als dass ich mich übergeben müsste (zugegebenermaßen bin ich aber auch wirklich sehr anpassungsfähig), dennoch würde ich den In-Ear niemals nur für geringfügig konzentriertes Hören verwenden, sondern nur zur stumpfen Berieselung im Hintergrund und zum Annehmen von Anrufen. Ohne die ANC Elektronik hielt ich einen Preis von 20 bis maximal 25$ für angemessen.
Recht offensichtlich ist es dennoch, dass diese In-Ears hauptsächlich fürs ANC entwickelt wurden und die Musikwiedergabe eher eine etwas untergeordnete Rolle einnimmt. Und zum beiläufigen Hören des Radios ist der Klang angesichts des Preises und eingebauten ANC noch immer recht okay.

Räumliche Darstellung:

Eingeengt wirkt der In-Ear keinesfalls, dennoch ist die Bühne auch nicht unbedingt die größte. In meinen Ohren ist ihre Ausdehnung etwas breiter als tief, wenngleich nicht deutlich, jedoch deutlich genug, um etwas ovaler als rund zu spielen.
Wie beim allgemeinen Klang auch wären etwas mehr Definition und Trennungsschärfe auch hier nicht ganz verkehrt, da die räumliche Darstellung insgesamt manchmal etwas neblig wirkt.

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Im Vergleich mit anderen In-Ears:

Knowledge Zenith KZ ATE, schwarz, nicht-bassige Version mit Belüftungsöffnung:

Scheinbar gibt es vom ATE verschiedene Versionen. Diejenige, die ich besitze, ist nicht basslastig und besitzt eine kleine Belüftungsöffnung.

Der ATE besitzt den weniger vordergründigen und besser kontrollierten, etwas schnelleren Bass. Der des Mixcder hingegen klingt etwas detaillierter (der ATE wirkt im Tiefton manchmal etwas stumpf).
Im Mittelton klingt der ATE wärmer als auch voluminöser, während der ANC-G5 hier der etwas detailliertere In-Ear ist.
Im Hochton ist der Mixcder etwas heller während der ATE hier etwas detaillierter als auch differenzierter klingt.
Was die Bühne betrifft, ist die des ATE ein wenig kleiner, während beide In-Ears hier qualitativ ebenbürtig sind.

Insgesamt würde ich sagen, dass beide In-Ears technisch recht gleichwertig spielen, während der ATE im Hochton etwas differenzierter klingt und der Mixcder im Mittelton.

Pai Audio DR1:

Vom Bass mal abgesehen besitzt der ANC-G5 die etwas natürlichere Tonalität im Mittelton, wo der DR1 aufgrund seiner klanglichen Abstimmung ein wenig bedämpft erscheint.
Beide In-Ears sind im Bassbereich vergleichbar stark und von der Form ähnlich angehoben, nichtsdestotrotz erscheint der Mixcder ein ganzes Stück bassiger, was hauptsächlich daran liegt, dass sein Tiefton weicher, unkontrollierter und weniger detailliert klingt.
Im Tiefton ist der DR1 trockener, schneller, detaillierter und fester. In Sachen Klangqualität ist dies der signifikanteste Unterschied.
Im Mittelton löst der DR1 auch etwas höher auf, der ANC-G5 klingt hier aber weniger bedämpft und luftiger, was an der anderen Abstimmung liegt.
Im Hochton klingt der Mixcder heller, während beide In-Ears ähnlich detailliert spielen, mit einem geringen Vorteil für den Pai, der hier Noten präziser abbildet.
Die Bühne des Pai Audio In-Ears ist sowohl breiter als auch tiefer und besitzt ebenfalls die genauere Instrumententrennung.


Fazit:

Wie erwartet funktioniert das ANC richtig gut bei statischen, tieffrequenten Geräuschen und blendet
diese beinahe gänzlich aus. Bei sich veränderndem Lärm und insbesondere im Mittel- und Hochton hingegen könnte die Isolation definitiv besser sein (dies kann man als Vor-, aber auch als Nachteil ansehen).
Und während die aktive Geräuschunterdrückung wirklich gut und ohne Ghosting oder Interferenzen arbeitet, könnte die reine Klangqualität der In-Ears besser sein, sollte jedoch neben dem ANC wohl eher als Beigabe betrachtet werden.
Wer also nach einem günstigen In-Ear mit ANC sucht, jedoch auf den besten Klang für den Preis verzichten kann, könnte mit dem Mixcder ANC-G5 dennoch glücklich werden.

Mit einer 60% Klang/Verarbeitung (47/100) zu 40% ANC (85/100) Gewichtung komme ich auf ein Endergebnis von 3,11 von 5 möglichen Sternen.