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Xiaomi Hybrid Pro HD: Das bietet dieser hybride Triple-Driver für weniger als 30$ - [Review] 🇩🇪

Prolog:

Vor kurzer Zeit erreichte mich ein mysteriöses Paket, mit dem ich nicht wirklich gerechnet hatte – nach dem Auspacken erwartete mich dann der Xiaomi Hybrid Pro HD, ein hybrider In-Ear mit drei
Treibern je Seite, den man schon für weniger als 30€ aus dem Ausland beziehen kann.
Ich erinnerte mich dann, dass George von GearBest mich, ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit, gefragt hatte, ob ich Interesse an diesem In-Ear hätte, was ich mit „ja“ beantwortete, aber nicht wusste, dass er diese Frage bezüglich eines Reviews stellte und dass ich den In-Ear daraufhin erhalten würde.
So here we go now, mit einem sehr preisgünstigen hybriden In-Ear mit zwei dynamischen und einem Balanced Armature Treiber je Seite.
Handelt es sich bei ihm um ein empfehlenswertes hybrides Modell im Budget-Bereich? Dieser Frage widme ich mich in diesem Review, das ich kurz und knackig zu halten versuche.

Erhältlich ist der In-Ear übrigens auch bei Amazon, doch zu einem etwas höheren Preis als 30€: http://amzn.to/2fVoB8g


Wie meine anderen Rezensionen auch ist diese ehrlich, unbefangen und spiegelt meine persönliche Meinung ohne Zensur wieder.


Technische Daten:

Preis: 24,44€ (http://www.gearbest.com/earphones/pp_261864.html?lkid=10385973)
Treiber: 2x dynamisch, 1x BA (je Seite)
Frequenzgang: 20 Hz – 40 kHz
Impedanz: 32 Ohm
Empfindlichkeit: 98 dB SPL @ 1 kHz


Über hybride In-Ears:

Wie man den technischen Daten und der Einleitung bereits entnehmen kann, unterscheidet sich der Xiaomi Hybrid Pro HD von den meisten gängigen In-Ears und setzt nicht lediglich auf dynamische oder Balanced Armature Schallwandler, sondern kombiniert beide – bei ihm handelt es sich um einen hybriden In-Ear, einer in den letzten Jahren vermehrt aufkommenden Bauweise.

Die meisten In-Ears verwenden dynamische Treiber für die Audiowiedergabe. Diese haben den Vorteil, ohne allzu großen Aufwand das gesamte für den Menschen hörbare Frequenzspektrum abzudecken und ebenfalls ohne große Mühe einen stark angehobenen Bassbereich zu erzielen. Hochwertigen dynamischen In-Ears wird allgemein ein körperhafter, musikalischer Bassbereich nachgesagt, der im Ausklang jedoch meist eher weich als hart und analytisch ist. Im Gegensatz zu anderen Wandlerprinzipen besitzen dynamische Treiber jedoch meist auch eine etwas niedrige Detailauflösung.

Im höherpreisigen und professionellen Bühnenbereich findet man fast nur In-Ears mit Balanced Armature Treibern vor, welche in der Regel eine höhere Auflösung als ihre dynamischen Konsorten besitzen und sehr detailreich, schnell, präzise und auch sehr pegelfest aufspielen, was insbesondere für Bühnenmusiker von Bedeutung ist. Auf der Schattenseite steht, dass ein einzelner BA-Treiber kaum oder nur mit größerem Abstimmungsaufwand den größten Teil des hörbaren Frequenzspektrums abdecken kann und dabei nur mit größerem Aufwand, wie mehreren und voluminösen Treibern für den Tiefton in der Lage ist, extremere Betonungen zu erzielen. Einige Menschen empfinden den Klang von In-Ears mit BA Treibern auch als analytisch, leblos, klinisch oder kalt (in meinen Jahren der Mitgliedschaft, Reviews und Kaufberatung in einem großen deutschen Onlineforum für Audio sind mir diese Begriffe schon mehrfach in Bezug auf die Wahrnehmung von BA-basierten In-Ears, insbesondere bezogen auf den Tiefton,  begegnet).

Hybride In-Ears vereinen die positiven Aspekte aus beiden Welten und setzen auf einen dynamischen Schallwandler für die tiefen Frequenzen und mindestens einen BA Wandler für die mittleren und hohen. Dadurch bleien der Körper und der oft als „musikalisch“ beschriebene Charakter des dynamischen Basses und die Detailauflösung und Präzision des Balanced Armature Mittelhochtöners erhalten – und auf genau diese hybride Technologie setzt Xiaomi mit seinem Hybrid Pro HD und spricht damit diejenigen an, welche den klinisch-schnellen Bass eines BA-Treibers als unnatürlich empfinden, jedoch die Auflösung, Schnelligkeit und Präzision in den Mitten und Höhen beibehalten wollen.


Lieferumfang:

Trotz des geringen Preises bekommt man einen vollwertigen Verpackungskarton, der vier unterschiedlich große Silikonaufsätze, etwas Papierkram, einen Aufbewahrungsbeutel und natürlich die In-Ears selbst beinhaltet.






Optik, Haptik, Verarbeitung:

Die In-Ears sind aus CNC-gefrästem Aluminium gefertigt, das sich hochwertig anfühlt und auch so
aussieht. Die nach innen zeigende Seite besteht aus Kunststoff, welcher insbesondere an kälteren Tagen für eine bessere Wärmeverteilung sorgen kann.
Das Kabel ist aus recht normalem Gummi gefertigt und während es ein wenig federartig ist, erscheint es robust, beinhaltet eine Fernbedienung mit drei Tasten und ist schön flexibel. Dennoch besitzt es keinen Kinnschieber und auch der Knickschutz könnte an manchen Übergängen stärkere Präsenz zeigen.






Tragekomfort, Isolation:

Je nachdem, wie man die In-Ears einsetzt (mehr dazu weiter unten im „Tonalität“-Abschnitt), können Kabelgeräusche recht präsent oder verschwindend gering ausfallen. Der Komfort ist recht gut.


Die Isolation befindet sich ein wenig auf der geringen Seite von durchschnittlicher Ausprägung.


Klang:

Meine hauptsächlich genutzten Quellgeräte waren der iBasso DX80 und HiFime 9018d.

Die größten Silikonaufsätze aus dem Lieferumfang nutzte ich zum Hören und Testen.

Tonalität:

Bevor ich darauf eingehe, wie sehr die Einsetztiefe bei diesem In-Ear den Klang verändert, möchte ich näher demonstrieren, wie die nach innen zeigende Belüftungsöffnung im schwarzen Teil des Gehäuses die Bassmenge, die man hört, drastisch verändert und auch den oberen Mittelton nicht unangetastet lässt – beide Parameter steigen nämlich an, wenn diese Öffnung geschlossen ist:
Dies habe ich mit meinem pseudo-Diffusfeld-kalibriert-kompensierten Vibro Veritas Kuppler bei normaler Einsetztiefe gemessen (mehr über die Entstehung der Graphen, unter welchen Bedingungen sie aufgezeichnet wurden und an welchen Stellen sie noch inakkurat sind, kann man hier nachlesen: frequency-response.blogspot.com/p/about-measurement-graphs.html):



Wie man sehen kann, ist die Bassmenge bei einer geschlossenen Belüftungsöffnung deutlich höher, was auch der Fall in meinen Ohren ist. Findet man den Klang also – aufgrund seiner Ohranatomie, die eine Verdeckung der Vents nicht zulässt – zu dünn oder ist ein Basshead, kann man mit einem einfachen Tape-Mod (Zukleben der Öffnung mit einem Klebestreifen) die Bassquantität deutlich erhöhen.

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Manche In-Ears reagieren deutlicher auf unterschiedliche Einsetztiefen als andere – der Hybrid Pro
HD ist einer von ihnen. Meiner Meinung nach klingt er, wenn man ihn etwas tiefer einsetzt, kohärenter, harmonischer und weniger metallisch, was aufgrund seiner Form aber eher schwierig erzielbar ist.
Eine Möglichkeit, dies trotzdem zu erreichen, ist, die Seiten zu tauschen und die In-Ears um 180° gedreht mit den Kabeln über den Ohren getragen einzusetzen, während eine zweite darin besteht, die Seiten nicht zu tauschen, die In-Ears jedoch trotzdem um 180° gedreht mit den Kabeln über den Ohren einzusetzen, was im Gegensatz zur ersten Methode jedoch in den meisten Fällen wohl zu Komfort-Problemen führen wird.
Weniger tief eingesetzt zischelt der Hochton, klingt recht künstlich, wirkt nicht zusammenhängend und neigt bei höheren Abhörlautstärken zu Sibilanz. Der Klang, den ich höre, wenn ich die Hörerseiten tausche und die In-Ears um 180° gedreht einsetze, ist folgender:

Der Klang des Hybrid Pro HD stellt eine klassische, recht starke Badewannenabstimmung mit einem stark angehobenen Bassbereich, präsenten oberen Hochton und zusätzlich betonten oberen Mitten dar.
Die Bassmenge erreicht dabei definitiv Basshead-Niveau, denn mit rund 17 dB mehr als bei einem Diffusfeld-neutralen In-Ear ist sie im unteren Midbass und Tiefbass nicht gerade dezent. Interessanterweise überschattet der Bass dabei den Mittelton nicht, strahlt nicht zu sehr in diesen hinein und lässt den unteren Stimmbereich nur moderat voluminös wirken, ohne dass dieser aufgebläht klingt.
Beim Hören von Sinussignalen nehme ich wahr, dass der Anstieg bei etwa 600 Hz beginnt und dann bis 40 Hz weiterhin ansteigt, wo der Zenit der Betonung erreicht ist. Dieser kann bis 25 Hz gehalten werden und rollt gen 20 Hz ab, was man aber nur mit dem Sinusgenerator hört. Dass der Höhepunkt so tief erreicht wird, ist auch der hauptsächliche Grund dafür, dass der Mittelton nicht überstrahlt wird – der Tiefton ist also definitiv stark und der In-Ear basslastig mit einem auch kräftigen unteren Grundton, aber nicht zu sehr beeinträchtigten Mitten.

Von 1 bis 10 kHz höre ich einen recht gleichmäßigen Anstieg vom oberen Mittelton in den Superhochton mit einer moderaten Senke zwischen 3 und 4 kHz, sowie eine recht starke Betonung um 14 kHz mit einem darüber sehr guten Superhochtonumfang. Diese Abstimmung lässt den Stimmbereich heller wirken.
Mit dieser etwas tieferen Einsetztiefe gibt es (bis auf die eine bei 14 kHz) keine plötzlichen Betonungsspitzen, ganz anders als bei normal tiefem Einsetzen, wobei der Hochton metallisch, ungleichmäßig und nicht zusammenhängend klingt.

Es ist ziemlich offensichtlich, dass diese Art der tonalen Abstimmung nichts anderem dient als dem reinen Spaß und sich für Menschen eignet, die einen (sehr stark) badewannigen Klang mögen. Auch wenn ich hauptsächlich, insbesondere zuhause, einen recht neutralen Klang bevorzuge, kann ich subjektiv nicht abstreiten, dass der Hybrid Pro HD eine Menge Spaß machen kann und mir auch teils macht.

Auflösung:

Mein erster Eindruck, bevor ich etwas mit dem Sitz experimentierte, war recht ernüchternd, denn ich
hörte einen nicht wirklich kohärenten und unstimmigen Klang – glücklicherweise entdeckte ich kurz darauf aber die Methode zum Erzielen eines etwas tieferen Sitzes, was zu einer recht merklichen Änderung zum Guten führte.

Der Klang ist definitiv nicht so kohärent wie bei einem guten Single-Driver In-Ear; nichtsdestotrotz empfinde ich ihn als etwas zusammenhängender als beim 1More E1001.
Der Übergang zwischen den unterschiedlichen Treiber-Prinzipen ist definitiv nicht sehr deutlich hörbar, auch wenn er zu einem gewissen Grad vorhanden ist.

Der Bass bleibt trotz der sehr starken Betonung überraschend kontrolliert. Er befindet sich auf der etwas weicheren Seite, ohne jedoch wirklich schwammig oder unkontrolliert zu erscheinen, während
er gen Tiefbass etwas stärker aufweicht und bei energischen Titeln etwas lose und undefiniert klingen kann.

Die Detailmenge im Mittel- und Hochton ist nicht unbedingt besser als bei einem guten Single-Driver In-Ear im gleichen Preisbereich, sondern anders: durch den BA-Treiber wirkt der Klang im Mittel- und Hochton leichter und ansprechfreudiger, neigt im Hochton jedoch auch beim tiefen Einsetzen dazu, etwas kantig zu klingen.

Insgesamt würde ich sagen, dass die Performance solide bis gut für den Preis ist und dass man getrost annehmen kann, dass man keinen anderen gut gefertigten hybriden In-Ear mit der gleichen Leistung für weniger als 30€ finden kann.

Räumliche Darstellung:

Der Xiaomi präsentiert eine Bühne, die eine durchschnittliche Breitenausprägung bei der gleichen Menge an räumlicher Tiefe und Höhe besitzt, weshalb der In-Ear recht sphärisch und dreidimensional klingt.
Bei schnelleren Aufnahmen bleibt die Bühne gemessen am Preis auch recht konsistent und kollabiert nicht zu sehr.
Die Instrumententrennung fällt durchschnittlich bis gut aus – zumindest so gut, wie man es beim Preis erwarten kann, und ist im Hoch- sowie Mittelton besser als im Bassbereich.

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Im Vergleich mit anderen In-Ears:


Xiaomi Piston Colorful Starter Edition:
Der Hybrid Pro HD besitzt den stärker angehobenen Bass, während beim Piston der Mittelton weniger hell ist, ebenso wie der Hochton, der jedoch ebenfalls auf der helleren Seite angesiedelt ist.
Der Hybrid Pro HD besitzt den etwas knackigeren und schnelleren Bass, der besser kontrolliert ist. Im Mittelton herrscht Gleichstand und im Hochton macht der Hybrid Pro wieder das Rennen.
Die Bühne des Hybrid Pro HD ist in beiden Richtungen größer und besitzt die etwas genauere Instrumententrennung.

Fidue A65:
Der Fidue besitzt merklich weniger Bass, den präsenteren und weniger hellen Mittelton und den sanfteren, dunkleren Hochton.
Der Bass des A65 ist fester, schneller und besser kontrolliert, und der Fidue besitzt auch im Mittelton die höhere Auflösung, während der Xiaomi im Hochton einzelne Noten besser separiert.
Die Bühne des Fidue ist kleiner, aber präziser.

AAW Nebula 2:
Der Nebula 2 besitzt insgesamt etwas weniger Bass (jedoch nicht deutlich weniger), die weniger hellen oberen Mitten und den weniger hellen oberen Hochton, auch wenn dieser sich ebenfalls auf der etwas betonten Seite befindet. Während der Nebula auch einen sehr starken Bass mit einem etwas angehobenen oberen Hochton besitzt, klingt er realistischer und insgesamt ausgewogener.
Der etwa fünfmal teurere AAW besitzt den schnelleren und besser kontrollierten Bass, der gen Tiefbass nicht aufweicht und auch mehr Details ausgibt. Im Mittel- und Hochton ist es ebenfalls der Nebula 2, der hörbar detaillierter und feiner aufspielt.
Die Bühne des AAW ist ein wenig breiter, bei etwa gleich stark ausgeprägter räumlicher Tiefe und der im Vergleich saubereren Instrumententrennung.


Fazit:

Der Xiaomi Hybrid Pro HD ist definitiv nicht perfekt – dass man für das gleiche Geld hingegen einen vergleichbar guten hybriden In-Ear finden kann, zweifle ich jedoch stark an. Bei einem begrenzten Budget und einer Vorliebe für einen stark badewannigen Klang kann man den Hybrid Pro HD definitiv als interessantes Modell ansehen, muss ihn aber etwas tiefer einsetzen, was womöglich nicht einfach erzielbar ist, denn sonst hat er mit einem sehr inkohärenten und metallischen Klang zu kämpfen.

3,8 von 5 möglichen Sternen.