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Sennheiser IE 800: Eine Geschichte von Keramik und Kevlar - [Review] 🇩🇪


Prolog:

Sennheiser – diesen Namen kennt wohl jeder, der sich je einen Kopfhörer gekauft hat oder dies auch nur entfernt in Erwägung gezogen hat. Eben deshalb erspare ich mir auch eine längere Einleitung mit einer Einführung zur Firmengeschichte.

Sennheiser steht für Erfolg, den legendären Orpheus, der nun einen Nachfolger bekommen hat, dynamische Kopfhörer wie den HD 600 und HD 800, aber auch eine ganze Menge an günstigen Consumer-Produkten, die teilweise auch von OEM-Herstellern stamm(t)en.

Bis vor ein paar Jahren war der IE 80 Sennheisers Flaggschiff im In-Ear Segment. Mit einem Preis von um die 200€ stellte der Ohrkanalhörer zu seiner Zeit auch so ziemlich den preislichen Zenit an in Europa verfügbaren In-Ears mit einem dynamischen Treiber je Hörerseite dar – noch teurere dynamische Exoten existierten nur im fernen Ausland.
Dann folgte der IE 800. Mit dem IE 80 hatte er bis auf die ersten beiden Ziffern und den Herstellernamen jedoch weder klanglich noch konstruktionstechnisch viel gemeinsam und setzte sich auch preislich mit einer UVP von 699€ vom Quasi-Vorgänger und der Konkurrenz ab. Irgendwie eröffnete er damit auch das Portal für andere Hersteller, ihre In-Ears mit dynamischem Treiber im Hochpreis-Segment zu positionieren.




Gekauft habe ich meinen IE 800, das dürfte im Jahr 2014 gewesen sein, als Neuware bei einem von Sennheisers autorisierten Fachhändlern, die man auf der Sennheiser-Webseite einsehen kann. Dazu würde ich auch jedem Interessenten raten, denn vom IE 800 kursieren etliche Fälschungen, an die man bei einem Kauf über einen nicht autorisierten Händler oder eine Privatperson unwissentlich gelangen könnte.

Weshalb legte ich mir den IE 800 überhaupt zu, obwohl ich in der Regel persönlich den „Charakter“ von In-Ears mit Balanced Armature Treibern dem von In-Ears mit dynamischem Treiber vorziehe?
Als ernsthafter Hörer war der Sennheiser nie geplant, sondern viel mehr als Erweiterung meiner privaten Sammlung, die zu jenem Zeitpunkt „nur“ an die 60 In-Ears und Bügelkopfhörer umfasste. Ich war einfach am dynamischen Flaggschiff mit Keramik-Gehäusen interessiert.

Nun nach ein paar Jahren in meinem Besitz habe ich mich endlich dazu entschlossen, dem In-Ear eine vollständige Rezension zu widmen.


Erhältlich war/ist der IE 800 auch bei Amazon: http://amzn.to/2mrkiC1



Technische Daten:

UVP: 699€
Treiber: dynamisch, 7 mm, Eigenentwicklung
Impedanz: 16 Ohm
Tonumfang (-3 dB): 8 – 41000 Hz
SPL @1 kHz & 1 V: 125 dB


Lieferumfang:

Geliefert wird der IE 800 in einer Karton-Verpackung, auf deren Außenseite sich eine schöne Low-Key Macro-Aufnahme des Ohrkanalhörers befindet.

Im Inneren findet man, in Schaumstoff gebettet, ein Kunstleder-Etui zur Aufbewahrung des In-Ears, fünf Paare an Silikonaufsätzen (S, S oval, M, L, L oval), ein Reinigungswerkzeug, die In-Ears selbst und eine Kurzanleitung vor.
Je nach Händler könntet ihr auch noch eine recht interessante Broschüre erhalten haben, in welcher näher auf den verzerrungsarmen dynamischen Treiber und die Zweikammer-Absorber-Technologie des IE 800 eingegangen wird und ein (überraschenderweise sogar mit 2 dB je Linie fein skalierter und im Gegensatz zu dem des IE 80 tatsächlich stimmender) Frequenzgraph abgebildet ist.


Optik, Haptik, Verarbeitung:

Ein paar Worte zum Kunstleder-Aufbewahrungsetui, bevor ich auf den In-Ear eingehe: ich mag es nicht wirklich. Ja, es ist kompakt. Ja, es ist ebenfalls flach. Und ja, optisch und haptisch gefällt es mir. Aber: es ist nicht geschlossen, sondern wird nur auf der Oberseite von einem Magnet zusammengehalten, weshalb Staub und Schmutz eindringen kann. Auch finde ich es recht unvorteilhaft, dass man den In-Ear in eine Aussparung legen und dann das Kabel außen um das Etui wickeln muss, was umständlicher und etwas belastender für das Kabel als bei einem normalen Aufbewahrungsetui ist, doch kann ich mittlerweile Sennheisers Entscheidung dazu stellenweise nachvollziehen, da die Keramik-Gehäuse so nicht versehentlich gegeneinanderschlagen werden und zerspringen können.

Die In-Ears selbst sind winzig – ein Keramik-Gehäuse ohne Aufsätze und den vorderen Teil aus Kunststoff ist nur so groß wie einer meiner Fingernägel. Am aus Kunststoff bestehenden vorderen Teil werden die proprietären Aufsätze befestigt; wie auch die In-Ears selbst besitzen sie ein Schutzgitter aus Metall.
Im hinteren Teil eines jeden Gehäuses befinden sich je zwei kleine „Löcher“, welche man auf den ersten Blick als gängige Belüftungsöffnungen bei dynamischen In-Ears halten könnte. Tatsächlich handelt es sich bei ihnen jedoch um Helmholtz-Resonatoren, welche den bei In-Ears häufig auftretenden, schmalbandigen Peak zwischen 7 und 8 kHz dämpfen.
Die Verarbeitung der Hörer-Gehäuse ist sehr gut und die sehr kleinen In-Ears fühlen sich auch wertig an.




Anders als in seinem Preisbereich üblich, besitzt der IE 800 keine austauschbaren Kabel. Tritt ein Kabelbruch auf, muss man also auf einen Garantie-Austausch hoffen oder den In-Ear reparieren lassen (oder einen neuen kaufen). Die kleinen Gehäuse haben sicherlich dazu beigetragen, dass man auf einen Hörer-seitigen Anschluss verzichtet hat, andererseits hat es Jays bei den kleinen q-JAYS ebenfalls geschafft, einen SSMCX Anschluss unterzubringen.
Einzig am Y-Splitter, welcher leider recht schwer und groß ausfällt, besteht die Möglichkeit, den unteren Teil des Kabels zu wechseln.




Das Kabel – ist meiner Meinung nach des Preises nicht wirklich würdig. Die grünen und schwarzen Kevlar-Fasern, die man durch die durchsichtige Ummantelung sehen kann, wirken zwar interessant, lenken jedoch nicht davon ab, dass sich das Kabel relativ billig anfühlt. Garniert wird dies zusätzlich dadurch, dass der Knickschutz an so gut wie allen Übergängen des Kabels praktisch unbrauchbar ist.
Sorry Sennheiser, aber bei einem knapp 700€ teuren In-Ear Flaggschiff mit dynamischem Treiber erwarte ich Besseres.


Tragekomfort, Isolation:

Dass Sennheiser den IE 800 so konzipiert hat, dass man ihn ausschließlich mit dem Kabel nach unten in die Ohren einsetzt, merkt man recht schnell. So ist nicht nur das gesamte Kabel recht kurz, sondern auch der Teil oberhalb dem Y-Splitter, weshalb eine Trageweise mit dem Kabel über den Ohren, wodurch der Sitz sicherer wird und Kabelgeräusche minimiert werden, dem Träger deutlich erschwert wird. Möglich ist das Ganze aber dennoch und so trage ich meinen IE 800 auch, selbst wenn Sennheiser dies nicht so vorgesehen hat. Am Klang ändert dies übrigens nichts.

Sind die richtigen Aufsätze gewählt und sitzt der In-Ear sicher im Gehörgang, ist die Geräuschisolation eigentlich recht ordentlich und etwas besser als bei den meisten In-Ears mit dynamischem Treiber und nicht gänzlich geschlossenem Gehäuse ausgeprägt. Nur gänzlich geschlossene In-Ears isolieren stärker.


Klang:

Zum Hören nutzte ich schon immer die großen runden Silikonaufsätze, die Sennheiser dem IE 800 beilegt.
Durch seinen geraden Impedanzgang und der Empfindlichkeit, die nicht extrem ist, kann man den Sennheiser auch an Quellen mit hohem Ausgangswiderstand und solchen mit einem erhöhten Grundrauschen ohne Verbiegungen im Frequenzgang oder störendes, lautes Hintergrundrauschen nutzen.

Tonalität:

Wer sich eine eher gemäßigte, gar natürliche und ausgewogene Wiedergabe wünscht, die eine eher neutrale Richtung einschlägt, sollte Abstand vom IE 800 nehmen, denn auch bei seinem In-Ear-Flaggschliff bleibt sich Sennheiser seiner Abstimmungs-Linie für In-Ears treu und spendiert dem 699€ kostenden Dynamiker eine sehr kräftige Portion Bass mit einer ebenfalls kräftigen Portion an oberem Hochton – der IE 800 besitzt also eine Badewannenabstimmung, auch als Loudness-Abstimmung bekannt, bei der die äußeren Enden des Frequenzspektrums, also der Bassbereich und Hochton, betont sind.

Der IE 800 besitzt einen präsenten Tief- und Midbass, jedoch ist auch sein Oberbass (Kickbass) kräftig betont, wenngleich auch etwas weniger.
Bei etwa 550 Hz beginnt der Tiefton, langsam anzusteigen, und erreicht bei etwas unterhalb von 80 Hz den Zenit seiner Betonung, welche im Vergleich zu einem wirklich flachen In-Ear wie dem Etymōtic ER•4S ca. 10 dB beträgt. Diese Betonung kann ohne Abrollen bis in den Tiefbass gehalten werden, welcher kräftig pumpen und rumpeln kann.
Gut gefällt mir, dass der Mittelton vom Bass weitestgehend „verschont“ bleibt, obwohl der untere Grundton trotzdem angehoben ist und dafür für etwas mehr Bassfülle und -präsenz als beispielsweise beim Shure SE846 sorgt, dessen Betonung sich im Tiefton hauptsächlich nur auf den echten Tiefbass konzentriert.

Im Vergleich zum Hoch- und Tiefton wirkt der Mittelton des IE 800 recht distanziert, jedoch nicht dünn. Tonal hat Sennheiser die Balance der Mitten gut getroffen, so wird abgesehen von ganz tiefen Männerstimmen, die nur geringfügig angehoben werden, der Rest des Mitteltons gut reproduziert und klingt tonal weitestgehend korrekt. Durch die breitbandige Betonung des oberen Hochtons jedoch werden Sibilanten („s“, „ts“, „tsch“, „ks“, …) etwas akzentuiert, neigen in meinen Ohren jedoch gerade noch nicht dazu, zu stark zu zischeln. Wer seine Musik gern laut hört, wird den oberen Hochton jedoch recht wahrscheinlich als zu dominant empfinden.

Eine Senke zwischen 2 und 5 kHz (Präsenzbereich), die bei badewannig abgestimmten In-Ears recht häufig anzutreffen ist, sorgt dafür, dass der In-Ear auch über einen längeren Zeitraum ermüdungsfrei und unangestrengt klingt.

Oberhalb von 5 kHz steigt der Pegel wieder an und formt zwischen 9 und 14 kHz eine breitbandige, helle Betonung, welche für den etwas zu zischelnden oberen Hochton des IE 800, insbesondere bei Becken, die ein wenig zu „auseinandergezogen“ klingen, verantwortlich ist.

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Zu Hause, wo ich hauptsächlich recht neutrale In-Ears und Kopfhörer nutze, ist mir persönlich diese Abstimmung zu „spektakulär“ und aufdringlich. Unterwegs, in Verbindung mit einer niedrigen Lautstärke am Abspielgerät, passt die Abstimmung dann jedoch besser, da hier Maskierungseffekte durch den von außen kommenden Umwelt-Schall aufgrund der Betonungen etwas ausgeglichen werden. Gänzlich natürlich ist der Klang dann noch immer nicht, aber weniger „effekthascherisch“.
Dennoch hätte ich es persönlich begrüßt, wenn Sennheiser bei seinem In-Ear Flaggschiff eine etwas natürlichere Richtung in Sachen tonaler Abstimmung eingeschlagen hätte, statt tonal an seine günstigeren Modelle anzuknüpfen.

Da ich erstens recht anpassungsfähig bin und mich schnell an eine neue Klangsignatur anpassen kann, zweitens größtenteils wusste, was mich beim Kauf des IE 800 erwartet, und drittens die tonale Abstimmung eine reine Sache der individuellen Präferenz darstellt, gibt es in meiner Wertung keinen Abzug für die „Spaßabstimmung“ des IE 800. Der obere Hochton jedoch, der unter anderem Becken doch etwas verfremdet, sorgt für einen kleinen Punktabzug, da man in diesem Preisbereich eigentlich einen etwas realistischer wiedergegebenen Hochton erwarten kann und es andere obenrum hell abgestimmte In-Ears auch schaffen, Becken nicht „auseinanderzuziehen“.

Auflösung:

Eines muss man dem IE 800 lassen – für einen In-Ear mit einem dynamischen Treiber ist er technisch schon ziemlich beeindruckend. In meinem Inventar ist er auf der technischen Ebene auch definitiv mein bester dynamischer In-Ear.

Der IE 800 beeindruckt hier mit einem für einen In-Ear mit dynamischen Treibern eher ungewohnten, schnellen und festen sowie insbesondere sehr kontrollierten Bassbereich. Dieser wird von nahezu keinem anderen dynamischen In-Ear erreicht, der günstiger als der IE 800 ist.
In-Ears mit geschlossenen Balanced Armature Treibern im Bassbereich bieten nochmal etwas mehr Festigkeit, Trockenheit, Kontrolle und empfundene Leichtigkeit, aber weit ist der Sennheiser definitiv nicht von diesen entfernt und erinnert in seinem Charakter eher an Modelle, die einen gut integrierten, rückseitig belüfteten BA-Tieftöner nutzen. Da kann man schon mal ruhig anerkennend nicken.

Auch, was das gesamte Detailniveau betrifft, schlägt sich Sennheisers dynamisches In-Ear Flaggschiff mehr als ordentlich und bietet eine zusammenhängende Darstellung mit einem Mittel- und Hochtonbereich, dessen Detailniveau dem eines guten mittelpreisigen Multi-BA In-Ears in kaum einer Disziplin merklich hinterherhinkt. Selbst in Sachen Sprachverständlichkeit gibt sich der IE 800 keine Blöße, auch wenn die meisten Multi-BA In-Ears hier dann doch, wenngleich nicht mit deutlichem Abstand, die Nase vorn haben.

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Ob der IE 800 den Preis von knapp 700€ klanglich wert ist, sei mal dahingestellt – das darf jeder für sich selbst entscheiden, zumal Geschmäcker individuell unterschiedlich sind und sich auch wandeln können. Zu der Zeit, als er herauskam, war der Sennheiser seinen Preis meiner Meinung nach noch gerade so wert, zumal er für einen dynamischen In-Ear wirklich beachtliche technische Leistungen vollbringt und ein recht hohes Detailniveau besitzt (Steigerungspotential gibt es aber noch und das „Ende der Fahnenstange“ ist mit dem IE 800 auch noch nicht erreicht). Als Gesamtpaket jedoch war er meiner Meinung nach auch schon damals nicht seinen vollen Preis wert, da das Kabel einfach nicht zu einem hochpreisigen Produkt passt und zumindest noch frühe Chargen des In-Ears definitiv auch mit Problemen wie nach kurzer Zeit hart werdenden Kabeln zu kämpfen hatten.

In der heutigen Zeit, in der In-Ears und Bügelkopfhörer auch im beginnenden mittleren vierstelligen Eurobereich keine Seltenheit mehr sind, wirkt der Preis des IE 800 im Verhältnis dazu sogar nicht mehr ganz so hoch, jedoch darf man auch ruhig erwähnen, dass sich insbesondere im asiatischen Raum einiges im Budget-Bereich getan hat und man auch bereits für unter 200 oder gar 100€ wirklich gute und konkurrenzfähige Qualität geboten bekommt (nicht unbedingt auf den IE 800 bezogen, sondern allgemein auf die Welt der In-Ears und Kopfhörer).




Ob es denn unbedingt 699€ (oder weniger, wenn der Händler einen Rabatt gewährt) für den IE 800 sein müssen, ist eine andere Frage, die interessant ist. Meiner Meinung nach nicht (mehr), denn für etwas weniger Geld bekommt man bereits gute Alternativen, die dem IE 800 recht nah kommen oder ihn teils sogar übertreffen. Hier ein paar Beispiele:


·        Echobox Audio Finder X1: Der dynamische In-Ear, der mittlerweile mit 149$ 50$ weniger als bei seinem Marktstart kostet, bietet eine Loudness-Abstimmung, welche die des IE 800 in ihrer Ausprägung nochmal übertrifft, jedoch im oberen Hochton weniger zischelt. Technisch bietet der Finder X1 bereits etwa 80 bis 85% des Potentials, das der Sennheiser bietet, welcher hingegen nochmal ein wenig besser auflöst und den qualitativ besseren Bass (Kontrolle, Festigkeit) bietet.

·        LEAR LHF-AE1d: Wer sich einen dynamischen In-Ear mit variabler Bassquantität wünscht, ist beim AE1d gut aufgehoben. Der etwa 200$ kostende Asiat bietet ansonsten eine wesentlich natürlichere Abstimmung mit einer Authentizität, die vom IE 800 nicht ansatzweise erreicht wird. Nur im Bassbereich besitzt er das Nachsehen, denn hier ist der Sennheiser recht merklich trockener, schneller und besser kontrolliert.

·        iBasso IT03: Der IT03 besitzt eine kräftige Betonung im Tiefbass, die nur ein wenig schwächer als beim Sennheiser ausfällt. Ansonsten klingt der 259$ kostende hybride In-Ear jedoch insbesondere mit Silikonaufsätzen mit einem weiten Schallaustritt, die dem Mittelton etwas von seiner Helligkeit nehmen, natürlicher als der IE 800 und bietet insgesamt in etwa die gleiche Klangqualität. Im Bassbereich erreicht der iBasso die gleiche Kontrolle bei sogar geringfügig mehr Festigkeit und Trockenheit, klingt hier aber geringfügig weniger detailliert als im Mittel- und Hochton.

·        Fischer Amps FA-4E XB: Der 399€ kostende Multi-BA In-Ear betont den Bassbereich noch etwas stärker als der IE 800 und klingt etwas wärmer, jedoch strahlt der Tiefton des FA-4E XB auch etwas zu sehr in den Mittelton hinein. Im Hochton besitzt er ebenfalls eine Betonung, klingt jedoch hier realistischer.

·        Custom Art Ei.3: Etwas über 300€ kostet dieser polnische, maßgefertigte Multi-BA In-Ear. Tonal spielt er auch ein wenig mehr auf der spaßigen Seite, wenn man ihn mit einem wirklich neutralen In-Ear vergleicht, doch kann man ihn insgesamt noch immer als recht ausgewogen und sogar natürlich bezeichnen. Zumindest übertreibt er es mit dem Bass nicht und spielt hier etwas zurückhaltender als der Sennheiser, was insbesondere auch auf den Hochton zutrifft, wo der Ei.3 relativ neutral ist.
Der IE 800 besitzt den etwas besser separierten Hochton, ansonsten ist der Ei.3 technisch ziemlich auf Augenhöhe, bei einer weitaus natürlicheren Abstimmung und einer größeren sowie präziseren Bühne.

·        Audio Technica ATH-IM03: Der nur als Import erhältliche Multi-BA In-Ear hat mich etwa 350€ gekostet. Tonal ist er auch der spaßigen Seite zuzuordnen, auch wenn er im Hochton etwas natürlicher, wenngleich schmalbandiger als der IE 800 aufspielt. Technisch sehe ich den Audio Technica etwas vor dem Sennheiser, dafür ist der Tragekomfort des Japaners recht mäßig.

Räumliche Darstellung:

Etwas distanziert gestaltet sich die räumliche Darstellung des IE 800 – der In-Ear platziert den Zuhörer nicht direkt in Mitten des Geschehens oder direkt davor, sondern schafft eine oder zwei Reihen Distanz. Dennoch wird eine breite Bühne aufgespannt, die über die Basisbreite meiner Augen und Ohren etwas hinausgeht und in etwa bis zu meinen Schultern reicht.
Getrennt und positioniert werden einzelne Instrumente genau und präzise – man kann stets orten, an welcher Stelle ein tonales Element platziert worden ist.
Räumliche Tiefe hingegen bietet der IE 800 nicht unbedingt im Überfluss, sondern generiert nur einen in meinen Ohren recht überschaubaren Tiefgang. Ein wenig vorn-hinten-Geschehen ist erkennbar, aber keine deutliche Abgrenzung der einzelnen Ebenen voneinander.

Insgesamt bietet der IE 800 definitiv eine gute und präzise räumliche Präsentation. Auch wenn diese zum oberen Mittelfeld bei einigen hybriden und Multi-BA In-Ears in vergleichbaren preislichen Sphären gehört, schaffen doch einige Modelle eine noch präzisere räumliche Präsentation mit ebenfalls mehr imaginärem räumlichem Tiefgang.


Fazit:

Technisch ist der Sennheiser IE 800 recht beeindruckend und gehört definitiv zu den besseren/besten In-Ears mit „nur“ einem dynamischen Treiber je Hörerseite. Wer den generellen „Charakter“ von dynamischen In-Ears mag, findet im IE 800 eine gute Alternative zu hybriden und Multi-BA In-Ears, wobei es auch bei jenen Exemplare gibt, die weniger „hart“ aufspielen.
Ob die doch recht stark „spaßige“ Badewannenabstimmung des In-Ears im höherpreisigen Segment hätte sein müssen, sei mal dahingestellt, kann im ausschließlich mobilen Einsatz jedoch auch passend sein, wenn man bei sehr moderater Lautstärke Musik hört. Dennoch hätte man den oberen Hochton etwas anders gestalten und weniger stark breitbandig anheben können.

Was jedoch gar nicht zum In-Ear passt, ist sein Kabel. Meiner Ansicht nach stellt dieses wohl eher einen schlechten Witz in diesem Preisbereich dar (ziemlich kurz, schlechter Knickschutz, nicht austauschbar, haptisch nicht sonderlich hochwertig erscheinend).


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Reiner Klang aus technischer Sicht: 4,25 bis 4,5 von 5 möglichen Sternen.
Als Gesamtpaket mit dem Kabel: 3 bis 3,5 von 5 möglichen Sternen.