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Etymotic ER•4SR: "The King 2.0" -oder- "neutrale Referenz 2.0" - [Review] 🇩🇪

Prolog:

Ich habe keine Ahnung, was ich hier schreiben soll. Auch habe ich keine strikte Gliederung in meinem Kopf und weiß momentan nicht, was außer „er klingt flach, neutral und frei von Verfärbungen“ ich schreiben soll. Dieses Review stellt definitiv eine Herausforderung dar.
Normalerweise weiß ich bei einem Kopfhörer, In-Ear oder Ohrhörer genau, was genau ich schreiben werde. Insbesondere bei Modellen, die ich bereits seit ein paar Jahren besitze, ist es sehr einfach für mich, eine Rezension zu erstellen und ich habe bis auf die Direktvergleiche und Sinussignal-Analysen bereits das gesamte Review im Kopf parat. Und auch bei Testmustern, die mich erreichen, besitze ich eine klare Abfolge dessen, was ich mache, bevor ich mit dem Schreiben der Rezension beginne, wonach ich auch immer weiß, was genau ich schreiben werde.

Bei einem In-Ear hingegen, von dem ich definitiv sagen kann, dass ich ihn unter allen anderen In-Ears, die ich besitze, am meisten liebe, und den ich seit ca. drei Jahren besitze, was aber verhältnismäßig wenig Zeit ist, zumal ich ihn leider erst recht spät „entdeckt“ hatte, was daran liegt, dass er in der deutschen Audio-Community so gut wie überhaupt keine Erwähnung fand, stellte sich alles ganz anders dar und von den ersten Zeilen des Schreibens bis zur Fertigstellung verging beinahe ein ganzes Jahr, da in meinem Kopf einfach eine Leere darüber herrschte, was genau ich schreiben sollte.
Über einen Kopfhörer zu schreiben, der von einem gänzlich neutralen Klang etwas abweicht (, was nicht negativ gemeint sein soll), ist ziemlich einfach, da es viele Aspekte gibt, auf die man sich konzentrieren kann. Selbst In-Ears, die eine neutrale Richtung einschlagen, aber nicht zu 100% flach abgestimmt sind, lassen sich sehr einfach rezensieren. Das Review jenes In-Ears, der so neutral klingt, wie es nur geht, und nicht das geringste Bisschen an Eigencharakter/Verfärbung zeigt, war jedoch alles andere als einfach, denn er klang einfach nur flach und leblos (beide Aspekte sind im klanglichen Zusammenhang als positiv zu betrachten), was es schwierig machte, seinen Klang gut in Worte zu fassen. Irgendwann in der zweiten Jahreshälfte von 2016 jedoch hatte ich das „Biest gezähmt“ und war mit dem Resultat auch zufrieden.

Nun scheint sich die Geschichte zu wiederholen, zumindest bezieht sich genau diese Rezension hier auf den Nachfolger jenes In-Ears, der basierend auf der Diffusfeld-Referenzkurve noch ein kleinwenig flacher und neutraler als sein Vorgänger sein soll.


Der geneigte Leser weiß anhand des Titels bereits, dass ich beim neuen In-Ear vom Etymotic ER•4SR spreche und sich mein früheres schwieriges Review auf den ER•4S bezieht. Ohne den Titel der Rezension zu kennen, hätte man jedoch anhand der Einleitung trotzdem darauf kommen können, wenn man wenigstens halbwegs mit den Modellen von Etymotic Research vertraut ist. Seitdem ich etwas über die Unternehmensgeschichte weiß, habe ich zumindest großen Respekt vor der amerikanischen Firma, die 1983 von Mead Killion (http://www.etymotic.com/about-us/interview-with-mead) gegründet wurde und eine ganze Menge an auditiver Forschung betrieben hat.
In den frühen 1990er Jahren wurde dann der „Grand Daddy“ der Neutralität, wie ich ihn persönlich nenne, geboren, nämlich die ER•4 Serie, die mehr als 20 Jahre mit nur kleinen kosmetischen Änderungen produziert wurde.

Als ich Ende 2015 auf der Ausstellerseite der CES las, dass Etymotic Research präsent sein würde und aktualisierte Modelle der ER•4 Linie vorstellen werde, war ich sehr gespannt, wie man sich denken kann.
Und so kam es, dass der ER•4SR und ER•4XR der Öffentlichkeit präsentiert wurden und die Nachfolger des ER•4S und ER•4P darstellen, während der erste nur ein geringes Facelift auf der klanglichen Seite ist, der quasi-Nachfolger des ER•4P hingegen klanglich großflächig überarbeitet wurde und das bietet, was von einigen Etymotic-Kunden gewünscht wurde: ein Etymotic In-Ear, der ausgewogen und noch immer neutral klingt, jedoch ein bisschen mehr Bass und Wärme als der ER•4S besitzt.

Während die Klangsignatur des ER•4SR (SR steht für „Studio Reference“) mit der des ER•4S fast gänzlich identisch ist (, was keine große Überraschung ist, zumal es nicht einfach ist, etwas, das bereits sehr nah an die Diffusfeld-Referenzkurve herankommt, noch ein bisschen mehr zu perfektionieren), unterscheidet sich der neue In-Ear sowohl innen als auch außen: neben neuen Balanced Armature Treibern besitzt der ER•4SR eine höhere Empfindlichkeit, geringere Impedanz und nun ein neues Kabel mit MMCX-Verbindungen im Vergleich zum alten Kabel, das die gleichen 2-Pin Stecker wie Sennheisers HD 6X0 Serie verwendete.
Während bei der „alten“ ER•4-Serie die Treiber der In-Ears identisch waren und sich die Modele nur durch die Kabelimpedanz unterschieden (die Ausnahme bildete der ER•4B, in welchem noch zusätzliche Kondensatoren zum Einsatz kamen), was es möglich machte, den ER•4P mittels eines Impedanz-Adapters in den ER•4S zu verwandeln, ist dies mit dem neuen ER•4XR (XR steht für „Extended Response“) nicht mehr möglich, denn in ihm werden andere Balanced Armature Treiber als beim ER•4SR verwendet und man kann ich nicht mit einem solchen Trick in den SR umwandeln.


Nach dieser ziemlich langen Einleitung möchte ich den geneigten Leser dazu einladen, sich den Rest meiner Rezension, in der ich näher auf den Klang des ER•4SR und darauf, warum ich denke, dass es sich um einen großartigen In-Ear handelt, eingehen werde, anzusehen.

Erhältlich ist der ER•4SR übrigens auch bei Amazonhttp://amzn.to/2hbXrrg

... und ebenfalls bei Thomannhttps://goo.gl/R255AY


Bevor ich fortfahre, möchte ich noch einen großen Dank an Etymotic Research aussprechen, die eingewilligt haben, mir ein Exemplar des ER•4SR und ER•4XR für ein ehrliches und unbefangenes Review zukommen zu lassen.


Technische Daten:

http://www.etymotic.com/consumer/earphones/er4-new.html
UVP: 399€
Frequenzgang: 20 Hz – 16 kHz
Schallwandler: leistungsstarke Balanced Armature Micro-Treiber
Geräuschisolation: 35-42 dB
Impedanz (@ 1 kHz): 45 Ohm
Empfindlichkeit (@ 1 kHz, SPL bei 0,1 V): 98 dB
Maximale Ausgangslautstärke (SPL): 122 dB
Kabel: 5 Fuß, austauschbar
Durch den Anwender austauschbare ACCU-Filter: Ja
Garantie: 2 Jahre
Möglichkeit der individuellen Ohranpassung: Ja


Lieferumfang:

Die In-Ears kommen in einer schön designten Verpackung, in welcher sich eine Aufbewahrungstasche mit Reißverschluss befindet, welche genug Platz für die In-Ears sowie einen Audio-Player/DAC/Kopfhörerverstärker bietet. Zusätzlich gibt es in ihr noch ein paar Innentaschen, in welchen man das Zubehör verstauen kann, das da wäre: ein 6,3 auf 3,5 mm Adapter, ein Shirt-Clip, Ersatz-ACCU-Filter mit einem Werkzeug, um diese zu entfernen, zwei Paare an großen Tannenbaumaufsätzen, zwei Paare an kleinen Tannenbaumaufsätzen und zwei Paare an Schaumstoff-Aufsätzen.
Ebenfalls im Verpackungskarton befindet sich ein Performance-Zertifikat, welches abgesehen vom Frequenzgang jeder einzelnen Hörer-Seite auch die Kanalgleichheit, Seriennummer, Empfindlichkeit und THD-Werte zeigt.






Auch wenn ich mich nicht über ein zusätzliches kleines Transport-Etui wie das vom ER•4S beschweren würde, ist das mitgelieferte nicht viel größer als ein Pelican 1010 Case, welches Größen-mäßig noch immer recht vernünftig ausfällt.


Optik, Haptik, Verarbeitung:

Im Vergleich zu der vorigen Generation, bei denen sie aus Kunststoff bestanden, sind die Gehäuse der neuen ER•4 In-Ears aus Metall gefertigt und besitzen deshalb eine höherwertige optische Anmutung. Die Seriennummer ist noch immer in jedes einzelne Gehäuse eingraviert; zusätzlich gesellt sich noch die modellspezifische Bezeichnung dazu, die einem sagt, welchen In-Ear man gerade in der Hand hält.
Die alten 2-Pin Stecker, bekannt von Sennheisers HD 6X0 Serie, sind Rotations-blockierten MMCX-Steckern gewichen. Diese erscheinen sehr zuverlässig, jedoch wird nur die Zeit zeigen, wie haltbar diese wirklich in einem Szenario, in dem ich sie nicht unnötig entferne, sind.



Das Kabel stellt einen Fortschritt zu dem der vorigen Generation dar, so ist es flexibler und weicher, während es noch immer sehr robust scheint und genau wie das alte aussieht. Sehr freut mich, dass endlich ein Kinnschieber implementiert wurde, denn beim ER•4S fehlte dieser leider.
Auch wenn der Y-Splitter keine Widerstände mehr besitzt, ist er noch immer zylindrisch geformt, was eine Hommage an die vorige Generation darstellt, bei der diese Form nötig war, um die Widerstände (und im Fall des ER•4B zusätzlich noch Kondensatoren) zu beherbergen.


Persönlich würde ich mich noch über farbige Seitenmarkierungen freuen, denn abgesehen von den Buchstaben an den Steckern des Kabels gibt es keine.


Tragekomfort, Isolation:

Die In-Ears der ER•4 Serie müssen sehr tief eingesetzt werden und die zweite Biegung des Gehörganges passieren, damit der Klang korrekt ist. Anfangs mag sich dies irritierend anfühlen oder gar geringfügig schmerzen, wenn man nicht an In-Ears gewöhnt ist, die so tief eingesetzt werden; ich zumindest habe keine Probleme damit und empfinde auch keine Schmerzen.
Am besten kann man die In-Ears zuerst mit dem Kabel nach unten einsetzen, woraufhin man auch automatisch weiß, wann die korrekte Einsetztiefe erreicht ist. Danach kann man das Kabel um die Ohren legen, was ich auch so handhabe. Dadurch wird die Mikrofonie (Kabelgeräusche) auf ein gut erträgliches Niveau gesenkt (weniger Mikrofonie ist aufgrund des tiefen Einsetzens kaum möglich, doch in Verbindung mit der Trageweise über den Ohren sowie dem Kinnschieber lässt sie sich gut reduzieren).


Ich besitze ziemlich große Gehörgänge, weshalb ich die Aufsätze meines ER•4S modifizieren musste, um einen dauerhaften Seal zu erreichen.
Die neue ER•4 Serie kommt mit neuen Aufsätzen, welche die gleichen Abmessungen besitzen, jedoch aus einem anderen Material gefertigt sind. Zu meiner Überraschung dichten die großen Aufsätze in meinen großen Gehörgängen ab, da das neue Material etwas stabiler als auch klebriger ist. Nichtsdestotrotz muss ich den Sitz dann noch immer von Zeit zu Zeit korrigieren, weshalb ich sie ebenfalls modifiziert habe (dazu schnitt ich den kleinsten Flansch der Aufsätze ab, zog ihn zuerst auf und ließ die anderen beiden dann folgen – dadurch erlange ich einen sehr guten und konstanten Seal in meinen Ohren und die Länge der Aufsätze bleibt unverändert).

Sofern die In-Ears korrekt eingesetzt sind und abdichten, ist die Geräuschisolation sehr hoch.


Neutral = Neutral?

Bevor ich hier weiter zum „Klang“ Abschnitt schreite, möchte ich mich kurz noch mit der Theorie der Neutralität von Kopfhörern und In-Ears befassen und eine knappe Einführung zu diesem Thema geben.

Ist die neutrale, messtechnisch ideale Referenz-Kurve bei Lautsprechern klar definiert, sieht die ganze Angelegenheit bei Kopfhörern, zu denen auch In-Ears zählen, etwas anders aus, denn ein In-Ear Kopfhörer, der sich nach Lautsprecher-Kriterien neutral misst, hört sich, direkt am Trommelfell gemessen, für unser Ohr anders an: dies liegt daran, dass unsere Ohren und der Oberkörper von außen kommenden Schall (also im richtigen Leben, bei Schallquellen im Raum wie etwa Lautsprechern oder dem Fließgeräusch des Wasserhahns) in bestimmten Frequenzbereichen aus Resonanzen resultierend verstärken. Bei Kopfhörern fällt diese natürliche, anatomisch bedingte Verstärkung weg, da sich die Schallquelle direkt am Ohr respektive im Gehörgang befindet, der Gehörgang also beidseitig geschlossen ist, wodurch der natürliche „Open Ear Gain“ wegfällt.
Um diese natürliche Verstärkung zu imitieren und deren Mangel zu kompensieren, sollte ein Kopfhörer deshalb idealerweise in diesem Frequenzbereich (ca. zwischen 200 und 15000 Hz mit dem Höhepunkt bei etwa 2,7 kHz mit um die 15 dB) eine Überhöhung besitzen – am Trommelfell gemessen ergibt sich daraus resultierend dann ein natürlicher, linearer Frequenzgang. (Siehe zu dieser Thematik auch HRTF und Open Ear Gain.) Von Mensch zu Mensch variiert die Anatomie des Ohrs natürlich, weswegen die Wahrnehmung der durchschnittlichen Diffusfeld-Kompensationskurve individuell auch etwas unterschiedlich ausfallen kann, insbesondere in der Wahrnehmung der oberen Mitten, die bei manchen Kopfhörern von manchen Menschen als etwas zu drückend oder gar schrill empfunden werden, wenn ein gewisser Grad der Ausprägung erreicht ist.
Die meisten Frequenzschriebe von Kopfhörern, die wir online oder in Magazinen sehen können, haben die HRTF-Kompensation bei der Abstimmung der Kopfhörer schon herausgerechnet und geben den am Trommelfell wahrgenommenen Frequenzgang wieder.

Davon abgesehen gibt es noch eine andere Sache, bei der es zwischen Experten teils größere Uneinigkeit über die Abstimmung von neutral wahrgenommenen Kopfhörern gibt: hören wir über Lautsprecher Musik, nehmen wir nicht nur den Luftschall über die Ohren wahr, sondern bekommen auch über unseren Körper taktil den von der Schallquelle wiedergegebenen Körperschall mit, besonders bei höheren Lautstärken und sehr tiefen Frequenzen. Deshalb kann ein neutral abgestimmter Kopfhörer unter Umständen im Tiefton als etwas zu dünn klingend empfunden werden. Manche Menschen sind daher der Ansicht, dass dieser fehlende Körperschall durch eine eher tief angesetzte, geringfügig (!) ausgeprägte Bassbetonung kompensiert werden soll, damit der Kopfhörer „natürlich“ klingt und subjektiv die Wiedergabe über neutrale Lautsprecher imitiert. Darüber, wie die gemittelte HRTF aussieht, herrscht jedoch Einigkeit in den Untersuchungsergebnissen verschiedener Institute und Forscher.

Wie man sehen kann, ist empfundene Neutralität bei Kopfhörern nicht unbedingt zu 100% abschließend definiert und kann je nach Ansicht anders aussehen (keine messtechnische, gering ausfallende Mid- und Tiefbassbetonung vs. gering ausfallende messtechnische Mid- und Tiefbassanhebung, messtechnisch bei der Kompensation neutral ausfallende untere Höhen vs. messtechnisch bei der Kompensation geringfügig zurückgesetzte untere Höhen und so weiter).


Klang:

Meine hauptsächlich genutzten Quellgeräte waren mein iBasso DX90, der Cowon Plenue M2, sowie letztlich mein Stack bestehend aus meinem Chord Mojo und Leckerton UHA-6S.MKII, das seine Daten vom Shinrico SHD5 erhielt.

Wichtig ist für den richtigen Klang die korrekte Länge des Schallaustritts sowie die richtige Einsetztiefe. Dass sich das Ende des Schallaustritts sehr tief im Gehörgang befinden muss, nach dem zweiten Knick des Gehörganges, sollte nach dem Abschnitt „Tragekomfort, Isolation“ klar sein.
Die korrekte Länge der Ohrpassstücke ist jedoch mindestens genauso wichtig. Wie bereits weiter oben beschrieben, verwende ich den ER•4SR mit den standardmäßig mitgelieferten, großen Tannenbaumaufsätzen, die ich so modifiziert habe, dass sie in meinen großen Gehörgängen eine gute Abdichtung bilden, jedoch ihre Länge beibehalten. Mit anderen Aufsätzen (Einfach-Flansch und somit kürzere Länge des Schallröhrchens) war der Klang in meinen Ohren tonal hörbar verfälscht und nicht so, wie er sein sollte (lediglich die langen Schaumstoffaufsätze von Etymotic klingen so ziemlich wie die Tannenbaumaufsätze in meinen Ohren).

Tonalität:

Der ER•4SR ist über das gesamte Frequenzspektrum so neutral, dass er sehr viele In-Ears beim direkten Vergleichshören und dem vergleichenden Hören von Sinus-Sweeps als verfärbt und nicht ganz so neutral wie beworben enttarnt (siehe dazu jedoch den obigen Abschnitt „Neutral = Neutral?“; es ist nämlich nicht so, dass die Hersteller nicht wüssten, was sie machen (zumindest in der Regel), sondern einfach eine andere Auffassung von (subjektiv empfundener) Neutralität bei Kopfhörern besitzen, eine andere Referenzkurve als Ziel haben, oder keine 100%ig flache Kurve anstreben, um den Klang für eine größere Käuferschicht interessanter zu machen).

Aber erst einmal der Reihe nach: der Etymotic ER•4SR ist messtechnisch als auch gehörmäßig extrem neutral in meinen Ohren und scheint sehr gut mit meinem Open Ear Gain/meiner HRTF zu harmonieren.
Die milde Betonung im Präsenzbereich ist in meinen Ohren beim Hören von Musik und Sinus-Sweeps nur recht gering ausgeprägt und definitiv nicht so erschöpfend, wie sie manche Menschen empfinden. Der Mittelton klingt dadurch jedoch etwas direkter und über einen längeren Zeitraum auch etwas ermüdender als bei einem In-Ear, der hier etwas entspannt aufspielt.

Beim Hören von Sinus-Sweep, Rauschsignalen und Musik ist dieser Single-BA In-Ear der neutralste und am gleichmäßigsten klingende In-Ear in meinen Ohren – vom Tiefbass bis in den oberen Hochton gibt es keine Welligkeit, Senken oder schmalbandige (geschweige denn breitbandigere) Betonungen oder Senken, abgesehen vom sehr moderat und gleichmäßig akzentuierten Präsenzbereich und einer sehr milden Senke um 7 kHz, die sich jedoch alles andere als einfach heraushören lässt. Dies hat zur Folge, dass das Timbre extrem natürlich ist und alle Instrumente sowie Stimmen in meinen Ohren auf den Punkt genau und verfärbungsfrei klingen.


Der ER•4SR zeigt einem erst (auch ohne nerdige Sinus-Sweeps und Hören von Rauschsignalen), wie verfärbungsfrei und flach ein In-Ear klingen kann. Auch würde ich ihn als leblos bezeichnen – im positiven Sinn, denn er fügt dem Klang keinen eigenen Charakter hinzu, sondern gibt exakt das wieder, was sich auf der Aufnahme befindet, ganz ohne den Klang zu „würzen“. Aufgrund dieser extrem hohen Flachheit ist es auch einfach, herauszuhören, wenn einem bestimmten Frequenzbereich im Master etwas zu viel oder zu wenig Pegel hinzugefügt wurde, was den Ety auch zu einem großartigen professionellen Werkzeug macht (, das er eigentlich auch hauptsächlich ist).
Dazu muss der Sitz zusammen mit den Aufsätzen jedoch stimmen und auch die Tonalität muss mit der eigenen HRTF übereinstimmen – bei mir scheint dies glücklicherweise bei meinem ER•4S sowie dem ER•4SR weitestgehend der Fall zu sein.

Ich würde Geld darauf wetten, dass der ER•4S vielen Menschen zu langweilig, steril oder flach klingen wird, zumindest im Vergleich mit dem Großteil der sich auf dem Markt befindenden In-Ears (inklusive derer, die in eine (sehr) neutrale Richtung tendieren).
Diese extrem hohe Akkuratesse ist es auch, die den ER•4SR so großartig macht und ihn zu einem würdigen Nachfolger des ER•4S werden lässt, der größtenteils identisch klingt.

Auflösung:

Dass es nicht zwingend mehrerer BA-Treiber je Seite bedarf, um einen großartigen Klang im Preisbereich um/bis 500$ zu erreichen, hat Etymotic mit seinen neuen In-Ears erneut gezeigt. Der Klang ist sehr leichtfüßig, schnell, zusammenhängend und ebenfalls auch sehr hochauflösend – etwas, was man einem einzelnen Balanced Armature Treiber womöglich nicht direkt zutrauen würde.
Besonders erwähnenswert beim ER•4SR ist sein exzellentes Ein- und Ausschwingverhalten (Transient Response) über den gesamten wiedergegebenen Frequenzbereich – alles klingt zusammenhängend und in keinem Frequenzbereich hat man das Gefühl, dass etwas verschoben oder fehl am Platz wäre.

Was der ER•4SR in Sachen Tonumfang, Bassqualität, Detailauflösung und Authentizität von sich gibt, ist schon recht beeindruckend – wie auch schon sein Vorgänger zeigt dieser In-Ear, dass ein einzelner, gut abgestimmter und implementierter Balanced Armature Treiber ausreichen kann, um mit anderen In-Ears im gleichen Preisbereich problemlos mithalten zu können.
In manchen Kategorien gibt es Mehrtreiber-In-Ears, die etwas besser als der Ety sind (zum Beispiel in Sachen Auflösung in einem bestimmten Bereich oder Bassgeschwindigkeit), jedoch gibt es nur sehr wenige In-Ears in diesem Preisbereich, die ein solch exzellentes Gesamtpaket abliefern, bei dem kein Aspekt wirklich das Nachsehen hat – in Sachen Auflösung gibt es kaum eine Schwäche.


Abgesehen von der exzellenten Kohärenz und Authentizität besitzt der ER•4SR einen sehr detaillierten und separierten Hochton, einhergehend mit einem sehr transparenten Mittelton. Sein Bass ist auch wirklich schnell und übertrifft einige andere Single-BA In-Ears. Verglichen mit manch teurerem Multi-BA In-Ear jedoch wird der Tiefton des ER•4SR etwas weicher (dadurch aber auch besser spürbar) klingen, während er nichtsdestotrotz höchst kontrolliert und schnell ist.

Räumliche Darstellung:

Die Bühne ist in alle Richtungen sicherlich nicht die größte, doch habe ich sie, wie auch schon bei meinem ER•4S, nie als klein oder eingeengt, sondern durchschnittlich groß und mit einem exzellenten Verhältnis zwischen Breite und Tiefe sowie einer sehr guten sphärischen und dreidimensionalen Präsentation empfunden.
Instrumente werden im imaginären Raum sehr präzise platziert und auch die Tiefenstaffelung erfolgt präzise – ganz ohne Nebligkeit. Die Instrumententrennung ist ebenfalls wirklich gut und Instrumente gehen nicht ineinander über, sondern sind mit einem schönen leeren Raum um sie herum getrennt. In dieser Hinsicht stellt der ER•4SR sogar ein kleines Upgrade zum ER•4S dar, denn besonders bei schnelleren und komplexeren Aufnahmen bleibt die Bühne des neuen In-Ears gut separiert und knickt weniger ein.

Persönlich liebe ich die räumliche Präsentation des ER•4SR, da es ihm gelingt, mich in Sachen Authentizität und Dreidimensionalität zu überzeugen, ohne übermäßig breit oder tief zu spielen. Dementsprechend zählt der Etymotic auch zu meinen persönlichen Favoriten, was die Bühnenreproduktion betrifft.

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Im Vergleich mit anderen In-Ears:



Ultimate Ears Reference Monitors:
Verglichen mit dem Etymotic ist der UE weniger ein Referenzhörer, wenn man die tonale Flachheit als Maß nimmt, obwohl er noch immer sehr neutral klingt (Ultimate Ears hat beim UERM aber auch gesagt, dass dieser auf subjektive Neutralität getrimmt wurde, bei der andere Sachen wie die Kompensation von Körperschall ebenfalls eine Rolle im Abstimmungs-Prozess gespielt haben können).
Im Vergleich, was man auch beim Hören von Sinus-Signalen allein hören kann, besitzt der UERM in etwa 3 dB mehr Bass als der Ety, wie auch den präsenteren unteren Grundton, weshalb er hier auch ein klein wenig wärmer klingt. Abgesehen vom Präsenzbereich, der beim ER•4SR ein wenig angehoben ist, klingen beide In-Ears im Mittelton vergleichbar in meinen Ohren. Weiter oben kann ich beim UERM eine Senke im mittleren Hochton feststellen, einhergehend mit einer schmalbandigen Betonung um 10 kHz, die spitz klingen kann, wenn eine einzelne Note genau diese Frequenz trifft.
Besonders im Hochton ist der ER•4SR also der linearere und gleichmäßigere In-Ear, weshalb er hier auch realistischer und authentischer klingt.
In Sachen Bassgeschwindigkeit und -kontrolle sowie Detailauflösung und Instrumententrennung ist der UERM dem Ety überlegen, doch ist der technische Unterschied in Sachen räumlicher Qualität im Vergleich zum ER•4S etwas kleiner geworden.

Etymotic ER•4S:
Der ER•4SR besitzt das flexiblere und weichere Kabel, bei dem ein Kinnschieber über dem Y-Splitter auch nicht fehlt, weshalb Kabelgeräusche stärker verringert werden können. Und auch wenn die neuen Silikonaufsätze die gleichen Abmessungen wie die alten grauen besitzen, dichten sie in meinen Ohren besser ab und ich müsste sie womöglich nicht mal unbedingt modifizieren.
Die Empfindlichkeit des ER•4SR ist höher, weshalb er weniger Spannung benötigt, um die gleiche Lautstärke wie beim ER•4S zu erreichen.
In Sachen tonaler Abstimmung gibt es nur geringe Änderungen. Beide besitzen einen flachen, Diffusfeld-neutralen Bassbereich. Der Präsenzbereich des ER•4SR ist geringfügig weniger angehoben, weshalb er über einen längeren Zeitraum etwas weniger erschöpfend wirkt. Der ER•4SR besitzt auch geringfügig weniger Pegel um 10 kHz. Mein ER•4S besitzt etwas mehr Quantität oberhalb von 10 kHz, weshalb er als ein wenig heller wahrgenommen werden könnte (er besitzt etwas mehr subtiles Glitzern nach 10 kHz). Ein Teil davon könnte natürlich auch auf eine geringe Serienstreuung zurückgeführt werden.
Was die Detailauflösung betrifft, befinden sich beide In-Ears in meinen Ohren so ziemlich auf dem gleichen hohen Niveau. Der einzige wirkliche Unterschied ist, dass der Bass des ER•4SR ein wenig weicher im Direktvergleich erscheint, aber dementsprechend auch etwas besser wahrnehmbar/“spürbar“ ist.
Die Bühne des ER•4SR erscheint in meinen Ohren einen Hauch breiter als die des ER•4S. Den ER•4S habe ich immer schon als authentisch und dreidimensional klingend empfunden, was auf seinen Nachfolger ebenso zutrifft. Der ER•4SR besitzt die etwas sauberere Instrumententrennung zwischen den beiden, was besonders bei schneller und komplexer Musik auffällt.

Noble Audio SAVANNA:
Der Bass des Etymotic ist flacher (ca. 3 dB weniger) im Midbass, Oberbass und dem unteren Grundton, während beide In-Ears etwa gleich viel Tiefbass besitzen. Die Mitten des Noble sind nur geringfügig dunkler im Vergleich. In meinen Ohren ist der Hochton des SAVANNA nur geringfügig weniger präsent als beim ER•4SR und annähernd genauso gleichmäßig und kohärent, was ihn sehr nah an die Gleichmäßigkeit und Natürlichkeit des Ety-Hochtons bringt (der SAVANNA wäre im Hochton sogar genauso gleichmäßig wie der ER•4SR, würden Beckenanschläge bei ihm etwas weniger schnell ausklingen).
Der SAVANNA besitzt die etwas größere Bühne, die eine etwas sauberere Instrumententrennung bietet.
Insgesamt klingt der Noble in etwa so gleichmäßig, realistisch und zusammenhängend wie der Etymotic, jedoch mit einem etwas präsenteren Bass-Kick.

Etymotic ER•4XR:
Ich bin an Lautsprecher, In-Ears und Kopfhörer gewöhnt, die in eine flache/sehr neutrale Richtung gehen, weshalb ich weder meinen ER•4S noch den ER•4SR je als Bass-arm empfunden habe – der Tiefton dieser In-Ears ist einfach nicht angehoben und auf den Punkt genau Diffusfeld-neutral. Manche Menschen jedoch, die den Klang der In-Ears der ER•4 Serie im Mittel- und Hochton mochten, ihn jedoch als zu Bass-schwach empfanden, wünschten sich manchmal etwas mehr Bassquantität. Und genau damit kam der ER•4XR ins Spiel: im Grunde klingt er wie der ER•4SR, besitzt jedoch ein wenig mehr Bass.
Im unteren Grundton beginnend, steigt der Tiefton des ER•4XR gleichmäßig gen Tiefbass an, wo sich sein Klimax befindet. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei ihm keineswegs um einen bassigen In-Ear, sondern er besitzt nur etwas mehr Quantität, um jene zu befriedigen, die ein wenig mehr Kompensation für den fehlenden Körperschall wollen.
Nach dem, was ich höre (EQ-Gegenvergleiche, um die genaue Differenz an einem spezifischen Punkt zu eruieren) und messe, beträgt dieser geringe Boost nicht mehr als 3 dB bei 100 Hz, 4 dB bei 50 Hz und etwas weniger als 5 dB bei 30 Hz und darunter im Vergleich zum ER•4SR, was nicht viel ist, sondern die Menge, um dem ER•4XR ein bisschen mehr Tiefbass- und Midbassquantität zu geben, einhergehend mit ein wenig mehr Fülle im unteren Grundton, ohne jedoch die Balance des Mitteltons zu beeinträchtigen. Vom Mittelton sprechend: sowohl meine Ohren als auch Messungen sagen mir, dass der ER•4XR geringfügig weniger im Präsenzbereich als der ER•4SR angehoben ist, weshalb man mit ihm etwas länger ermüdungsfrei hören kann. Auch besitzt er etwas mehr Pegel als der ER•4SR, auf den ich Zugriff habe, bei 10 kHz und darüber hinaus, weshalb er geringfügig heller als der ER•4SR klingt, jedoch nicht zu dem Ausmaß, als dass man wirklich von einer Betonung sprechen könnte (kleinere Produktionsschwankungen könnten hier auch eine Rolle spielen), da der Unterschied wirklich recht gering ausfällt und eigentlich hauptsächlich im Bassbereich stattfindet.
Beide In-Ears klingen in meinen Ohren identisch, was die Bassqualität und Detailauflösung betrifft.
Der ER•4XR besitzt in meinen Ohren beinahe die gleiche Bühne wie der ER•4SR, jedoch geringfügig weniger räumliche Tiefe und die minimal weniger präzise Instrumententrennung.

Shure SE425:
Der Shure besitzt eine stärker mittenorientierte Interpretation von Neutralität.
Der SE425 ist im Bassbereich mit dem ER•4SR vergleichbar und besitzt nur geringfügig mehr Oberbass und unteren Grundton. In meinen Ohren ist der Mittelton des Shure etwas stärker angehoben. Der SE425 besitzt etwas weniger Pegel im Hochton und rollt auch früher und stärker ab – der Ety besitzt oberhalb von 10 kHz den besseren Tonumfang.
Der ER•4SR ist zwischen den beiden der In-Ear mit der höheren Detailauflösung sowie dem besseren Übergangsverhalten (transient response).
Die Bühne des Shure ist ziemlich klein und eingeengt im Vergleich zum Etymotic, der auch die bessere Instrumententrennung bietet.


Fazit:

Der König ist tot, lang lebe der König!


Der Etymotic ER•4SR ist ein würdiger Nachfolger des legendären ER•4S mit einer weitestgehend gleichen Tonalität und nur kleinen Feinabstimmungen auf der klanglichen Seite, sowie einem besseren Kabel und Material der Silikonaufsätze.
Wenn man bereits den ER•4S besitzt, gibt es keinen absolut ausschlaggebenden Grund, den ER•4SR zu kaufen, denn auch wenn es auf der klanglichen Seite ein paar Unterschiede gibt, sind diese alles andere als gravierend. Wer jedoch noch keinen messtechnisch flach-neutralen In-Ear besitzt und sich überlegt, einen zu kaufen, sollte definitiv ein Auge auf den ER•4SR werfen, denn er besitzt das, was man als den wahrscheinlich flachsten und am meisten verfärbungsfreisten Klang überhaupt in einem In-Ear bezeichnen könnte, basierend auf Untersuchungen, die auch heute noch ihre Richtigkeit und Gültigkeit haben.

Den ER•4S habe ich, seitdem ich ihn zum ersten Mal (korrekt) gehört habe, als ein auf Referenz getrimmtes Präzisionswerkzeug angesehen, was ebenfalls auf seinen Nachfolger zutrifft.
Einzig wünsche ich mir farbig markierte Seiten-Indikatoren auf den Kabel-Steckverbindungen – dass diese irgendwann beim ER•4SR und ER•4XR implementiert werden, scheint mir realistisch, zumal auch an der vorigen ER•4 Generation immer mal wieder kosmetische Änderungen durchgeführt wurden.