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JHA Lola: Gedanken zu einem unkonventionellen hybriden In-Ear - [Brainstorming] 🇩🇪

Prolog:

Wer auch nur ein wenig mit der Geschichte des In-Ear Monitoring vertraut ist, dürfte den Namen Jerry Harvey bereits mindestens einmal gehört haben. Der Ultimate Ears-Gründer und Inhaber von Jerry Harvey Audio, kurz JHA, ist nämlich ein Pionier auf diesem Gebiet. So hält der Amerikaner etwa einige Patente für In-Ears und hat zur einen oder anderen kleineren und größeren Revolution im Bereich der professionellen und hochpreisigen Consumer-In-Ears maßgeblich beigetragen.

Beigetragen hat Jerry Harvey aber sicherlich auch zur gesteigerten Akzeptanz hochpreisiger maßgefertigter und universeller In-Ears, denn gab es bis vor ein paar Jahren bis auf einen oder zwei Exoten keine (maßgefertigten) Flaggschiff-In-Ears oberhalb von 2000€/$ und die teuersten Modelle lagen bei 1000 bis 1500€/$, so sieht dies heutzutage ganz anders aus und dieser Preisbereich ist im Flaggschiff-Bereich keine Seltenheit mehr – selbst bei In-Ears mit universellem Gehäuse, bei denen Preise im vierstelligen Bereich vor einigen Jahren noch undenkbar waren. Aber die Zeiten haben sich eben geändert.
Auch der Einsatz von besonders vielen Treibern je Hörer ist teils auch in verschiedenen Kreisen etwas umstritten, denn neben manchen Vorteilen bringt er, besonders im professionellen Sektor, auch einige Nachteile mit sich – aber belassen wir es dabei, zu sagen, dass Jerry Harvey Audio eine innovative und einflussreiche Firma ist, deren Innovationen aber teilweise auch mit etwas Skepsis und der Frage, ob man das gleiche Ziel nicht auch anders hätte realisieren können, aufgenommen werden.



War JHA bis jetzt eigentlich ausschließlich für Multi-BA In-Ears bekannt und führte keine Modelle aus dem dynamischen oder hybriden Sektor, hat sich dies nun geändert, denn ein neues Mitglied der „Siren-Series“ wurde vorgestellt, das sich „Lola“ nennt. Bei jenem In-Ear handelt es sich um ein hybrides Modell, also werden sowohl dynamische als auch Balanced Armature Treiber verwendet. Lola jedoch ist anders als jeder bisherige hybride In-Ear auf dem Markt und setzt die dynamischen Treiber statt für den Bass- für den Mitteltonbereich ein – eine Wahl, die in der Szene nach der Ankündigung nicht nur ausschließlich auf Anerkennung und Applaus, sondern auch etwas Zweifel stieß.

Was genau ich mit jener Entscheidung Jerry Harveys, dieses eher ungewöhnliche Layout zu wählen, zu tun habe, erfahrt ihr in diesem Artikel.


Lola – ein untypischer hybrider In-Ear

Okay, der letzte Satz war zugegebenermaßen ein wenig Clickbait, aber eben auch doch nicht gänzlich.
Als der Boom der hybriden In-Ears, die einen oder mehrere dynamische Treiber für den Bassbereich und einen oder mehrere Balanced Armature Treiber für die höheren Frequenzen einsetzen, mehr oder weniger im Jahr 2014 begann, kam bei mir, einem Fan des trockenen, schnellen und präzisen BA-Basses, die Frage auf, ob es nicht auch hybride In-Ears gäbe, bei denen anders als beim „klassischen“ hybriden Layout ein BA-Treiber den Tief- und ein dynamischer Wandler den Mittel- und Hochton übernimmt.
Eben diese Frage stellte ich Ende desselben Jahres in einem großen deutschen Online-Forum für Hi-Fi, in dem ich zu jener Zeit ein aktives und geschätztes Mitglied war, woraufhin ich exakt drei Antworten von drei Nutzern erhielt: der erste Nutzer meinte, dies mache keinen Sinn, während der zweite aussagte, dass es bei günstigen Modellen durchaus sinnvoll sein könnte, und der dritte Nutzer kommentierte, kein solches Modell zu kennen. Damit schien das Thema jedenfalls vorläufig beendet.

Dass Jerry Harvey durch meinen Foreneintrag auf diese Idee kam, erachte ich als recht unwahrscheinlich, auch wenn dies auf Umwege, wenngleich mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit, doch möglich gewesen sein könnte; was dies aber zeigt, ist, dass Jerry Harvey nicht die erste oder einzige Person war, die diese Idee eines „etwas anderen“ hybriden In-Ears hatte.
Auch in einer 2016 geführten Konversation mit einem im asiatischen Raum beheimateten Entwickler von maßgefertigten In-Ears sprach ich das Thema an und erzählte dem Inhaber von meiner Idee. Jener meinte zu meiner Überraschung, einen ähnlichen Gedankengang gehabt zu haben und dass ein solches Modell, wenngleich scheinbar erst im Prototypen-Stadium, tatsächlich in der Planung wäre. Sollte diese Aussage stimmen, würde sie belegen, dass noch mindestens eine weitere Person über einen hybriden In-Ear ohne das klassische Layout ernsthaft nachgedacht hat.


Gimme that speed ‘n‘ smoothness

Welchen Vorteil jedoch sah ich in diesem Konzept, als mir die Idee zum ersten Mal kam?
An hochpreisige Modelle mit drei akustischen Wegen, wie etwa den Lola In-Ear, dachte ich zumindest nicht primär. Nein, mein Gedanke war, dass dieses Konzept insbesondere im Preisbereich zwischen 150 und 500€/$ interessant sein könnte.
Hybride In-Ears mit dem „klassischen“ Layout setzen den/die dynamischen Treiber im Bassbereich ein. Dies hat mehrere Vorteile, bringt aber sehr häufig auch den Nachteil  mit sich, dass der Tiefton, verglichen mit den meisten In-Ears, die hierfür einen oder mehrere BA-Treiber einsetzen, weicher, langsamer und weniger gut kontrolliert ist (bis auf sehr wenige Ausnahmen wie etwa den iBasso IT03, dessen Tiefton überraschenderweise sehr schnell und trocken, wenngleich für mich nicht hundertprozentig zufriedenstellend detailliert ist) – was von manchen Nutzern aber sogar durchaus genau so gewünscht sein kann.
Jener Missstand wäre umgangen, sofern man einen oder mehrere Balanced Armature Treiber für den Tiefton einsetzte.

Der Einsatz eines dynamischen Treibers für den Mittel- und Hochton erschien mir interessant, da ich den bei manchen dynamischen In-Ears gut texturierten, sanften Mittel- und Hochton ohne Schärfe durchaus gelungen finde, wie etwa beim sehr harmonischen und realistischen LEAR LHF-AE1d (ein Gegenbeispiel, wenngleich mit einer wirklich sehr hoher technischer Stärke für einen In-Ear mit „nur“ einem dynamischen Treiber je Seite, wäre der spaßig und im Hochton eher metallisch abgestimmte Sennheiser IE 800). Insbesondere im eher niedrigen dreistelligen Preisbereich sah ich dieses Konzept als potentiellen Vorteil.
Jerry Harvey Audios Lola ist zwar in einem gänzlich anderen Preisbereich positioniert und nutzt die dynamischen Treiber nur im Mittel-, jedoch nicht im Hochton-Weg, doch in einem Video, in dem Jerry Harvey über JHAs neueste Kreation und darüber, weshalb dieses eher ungewöhnliche und neuartige hybride Design gewählt wurde, spricht, nennt er ebenfalls die von mir angebrachten Punkte, nämlich einen BA-typischen, schnellen, trockenen und präzisen Bassbereich, gepaart mit der Sanftheit und Textur von dynamischen Treibern im Mittelton.
Auch wenn die Grenzen von Marketing und der Mitteilung von Informationen fließend sind, kann ich zumindest meine Gedanken in Jerry Harveys Aussagen wiederfinden.


Wo bleibt der „Real World“-Nutzen?

So innovativ und mit meinen Gedankengängen übereinstimmend das Konzept des Lola In-Ears auch ist, kommt bei mir die Frage auf, ob der In-Ear in der realen Welt tatsächlich einen wirklichen Mehrwert bietet.
Auch, wenn der In-Ear wahrscheinlich primär mit dem Musik-Konsumenten, der nicht gescheut ist, mehrere hochpreisige In-Ears zu besitzen, im Hinterkopf entwickelt wurde, wird das Modell auch in JHAs Profi-Linie geführt und dafür beworben. Und genau hier sehe ich Unstimmigkeiten, denn für den Bühnenmusiker ist es letztlich relativ egal, wie texturiert der Mittelton ist, denn hier zählt hauptsächlich, dass die klangliche Signatur den Bedürfnissen des Musikers gerecht wird.

Nein, der Lola In-Ear ist meiner Einschätzung nach definitiv ein reines Produkt für den „audiophilen“ Konsumenten, ohne für den Bühnenmonitoring-Bereich von irgendwelcher größeren Relevanz zu sein.


Würde ich den Lola In-Ear kaufen?

Auch, wenn ich das Konzept des Lola In-Ears sehr interessant finde und jenen Gedankengang eines hybriden Modells, jedoch mit dem Einsatz der dynamischen Treiber außerhalb des Tieftons auch schon in der Vergangenheit hatte, ist der JHA Lola als In-Ear eher uninteressant für mich. Für etwas unterhalb von 2000$ gibt es einige andere In-Ears, die mich persönlich definitiv mehr interessieren, auch aus dem Hause Jerry Harvey Audio.
Auch sehe ich bei einem hochpreisigen (und wahrscheinlich technisch ebenfalls überzeugenden) In-Ear persönlich keinen wirklich entscheidenden Vorteil in der Implementierung eines dynamischen Mitteltonzweigs, da ich der Auffassung bin, dass es bei einer guten Implementierung bei einem reinen Multi-BA In-Ear ebenfalls einen sanften, gleichmäßigen und gut texturierten Mittelton geben kann (in der Preisklasse des Lola In-Ears würde ich dies sowieso erwarten), was aber auch bei so gut wie jedem In-Ear in der >1000$/€-Klasse, den ich gehört habe oder selbst besitze, bisher der Fall war (von einer Ausnahme, dem „alten“ UE18 Pro, mal abgesehen).
Da ich Jerry Harvey Audios Lola In-Ear jedoch nie selbst gehört habe, kann ich darüber hingegen selbstverständlich nur mutmaßen.

Nein, das Konzept der eher unkonventionellen hybriden In-Ears mit dem Einsatz von BA-Treibern statt des dynamischen Pendants im Tieftonbereich sehe ich, wie gesagt, hauptsächlich bei eher günstigen hybriden Modellen als potentiellen Vorteil.


Fazit:

Für Jerry Harvey Audios Idee, einen unkonventionellen hybriden In-Ear zu entwickeln, bei dem die dynamischen Treiber anders als beim Gros der hybriden Modelle nicht für den Bassbereich zum Einsatz kommen, gibt es von mir zwei klare Daumen nach oben – was aber nicht verwunderlich ist, zumal ich jene Idee und jenen Gedankengang eines hybriden In-Ears mit Balanced Armature Treibern im Bassbereich selbst zuerst im Jahr 2014 hatte und JHA dies, wenngleich auch wahrscheinlich ohne meine Influenz, als erster Hersteller nun umgesetzt hat.
Dennoch stelle ich mir die Frage, inwieweit dieses Konzept einen tatsächlichen Mehrwert in der (technischen und Preis-) Klasse des Lola In-Ears bietet und nicht bei wesentlich günstigeren hybriden Modellen für einen womöglich gleichmäßigeren und sanfteren Mittel- und Hochton eventuell besser aufgehoben wäre.