Translate

Al Capone In-Ears: Können diese Merchandise-In-Ears womöglich doch klanglich taugen? - [Review] 🇩🇪

Prolog:

Über die eigentlichen Produkte des Tabak-Herstellers „Al Capone“ hatte ich bereits vor einigen Monaten eine Rezension verfasst.

Nun kam es, dass mich neulich ein mysteriöses Paket erreichte, dessen Inhalt ein „Survival-Package“ darstellte – scheinbar hatte ich es gewonnen, obwohl ich an keinem Gewinnspiel teilgenommen hatte; womöglich hatte ich durch meine Adresseingabe vor ein paar Monaten automatisch daran teilgenommen.



Wie auch immer – ein Teil des Inhalts dieses „Survival-Packages“, das eigentlich ein Paket aus hauptsächlich günstigen Merchandise-Artikeln war, stellte sich zu meiner Überraschung und zugegebenermaßen auch Freude als In-Ears heraus (denn egal, wie günstig oder teuer ein In-Ear auch war, bin ich eigentlich immer daran interessiert, ihm einen Augenblick des Hörens zu widmen).

Eben jene In-Ears habe ich mir in diesem kleinen Test näher vorgenommen.



Technische Daten:

Nicht angegeben – man darf aber annehmen, dass die In-Ears je Seite einen dynamischen Treiber nutzen, dessen Durchmesser womöglich 9 mm betragen könnte.


Lieferumfang:

Die In-Ears befanden sich in einer kleinen, durchsichtigen Röhre mit Aufklebern von Al Capone, die auf die Tabak-Produkte des Herstellers hinweisen.


Abgesehen von den bereits installierten Silikonaufsätzen in Einheitsgröße konnte ich keine weiteren Extras entdecken – wer nun also kleine oder große Gehörgänge besitzt, wird wahrscheinlich keinen idealen Sitz erreichen.


Optik, Haptik, Verarbeitung:

Dass es sich um ein ganz billiges Produkt handelt, das nur wenige Cent kostet, merkt man deutlich – die In-Ears sehen (sehr) billig aus und fühlen sich auch so an, wenngleich ihre Gehäuse aus Metall bestehen.


Eine außenliegende Belüftungsöffnung gibt es je Seite; auf einen guten Knickschutz muss man sowohl verzichten an den Gehäusen als auch am Kabel direkt verzichten.


Im Y-Splitter ist eine Fernbedienung mit Mikrofon integriert, während der Kinnschieber ein echter Kunststoff-Reißverschluss ist, der sich sogar ohne zu stocken oder zu klemmen bedienen lässt – wahrscheinlich das einzige Highlight an diesem In-Ear.
Unterhalb des Y-Splitters ist das Kabel mit gelbem Nylon-Geflecht ummantelt, was meiner Ansicht nach nicht unbedingt begrüßenswert ist, da dieses Material mit der Zeit ausfransen und sich mit Flüssigkeiten vollsaugen kann.
Besonders flexibel ist das Kabel nicht.


Tragekomfort, Isolation:

Die In-Ears lassen sich sowohl mit dem Kabel nach unten als auch mit jenem über die Ohren gelegt tragen, wobei letztere Methode jene ist, die ich generell empfehle, da Kabelgeräusche durch sie minimiert und der Halt verbessert werden.


Aufgrund des Reißverschlusses sind die hörbaren Kabelgeräusche bei Bewegungen des Oberkörpers stärker als bei den meisten anderen In-Ears vorhanden.

Überraschend ordentlich ist die Außengeräuschisolation, die überdurchschnittlich gut ausfällt, aber nicht vollends das Niveau gänzlich geschlossener In-Ears erreicht.


Klang:

Wie zu erwarten war, sind die Standard-Aufsätze aus dem Lieferumfang für meine großen Gehörgänge etwas zu klein. Stattdessen nutzte ich zum Hören die großen Silikonaufsätze des Shozy Zero, die denen der Al Capone In-Ears weitestgehend ähneln.

Als Abspielgerät nutzte ich den iBasso DX200 mit dem mitgelieferten AMP1-Modul – Perlen vor die Säue? Die nächsten Absätze werden dies zeigen.

Tonalität:

Die Al Capone In-Ears gehören zu den schlechtesten In-Ears, die ich seit einer sehr langen Zeit gehört habe.

Bevor ich auch nur ein Wort an den wahrgenommenen Klang verliere, zeige ich euch am besten einfach den Frequenzgang der In-Ears, den ich mit meinem Vibro Veritas Kuppler mit angewandter Diffusfeld-Kompensation gemessen habe:


Anzumerken sei hier noch, dass meine Kalibration definitiv nicht perfekt ist und bei 3 sowie 6 kHz auf den Graphen zu wenig Pegel vorhanden ist – stellt man sich gedanklich zwischen 5 und 10 dB mehr Pegel in diesen Bereichen vor, kommt man dem echten Ergebnis schon sehr nah.
Weitere Informationen zu den Messungen lassen sich übrigens hier finden: http://frequency-response.blogspot.de/p/about-measurement-graphs.html

Gemessen wurden beide Seiten des In-Ears – wie einem direkt auffällt, gibt es insbesondere im unteren Mittelton/oberen Grundton eine nicht unerhebliche Kanalungleichheit, welche dazu führt, dass eine der beiden Seiten in den Mitten noch etwas wärmer und dumpfer als die andere klingt.

Wie man auch schon dem Graph entnehmen kann, strahlt der Bass sowie Grundton sehr stark in den Mittelton hinein – eine wirkliche Differenzierung zwischen Grundton und Mittelton gibt es eigentlich gar nicht mehr und Stimmen klingen sehr warm, fett, dumpf und bedeckt.
Eine solch dermaßen daneben liegende Mittelton-Abstimmung ist mir wirklich schon lange nicht mehr untergekommen.

An der Abstimmung ist wohl das einzig Positive, dass es kein starkes Abrollen gen Tiefbass gibt, sondern jener lediglich ganz moderat im Pegel abfällt.
Mit einer Anhebung von ca. 11-12 dB im Vergleich zu einem im Tiefton Diffusfeld-neutralen In-Ear wie dem Etymotic ER-4SR fällt die Bassanhebung des In-Ears mit dem „Al Capone“-Schriftzug verglichen mit typischen Bassbombern aus dem Budget-Segment noch eher etwas gemäßigt aus und ist, wenngleich dennoch sehr kräftig, nicht extrem übertrieben – was auf den Grundton aber leider nicht zutrifft, denn dieser ist omnipräsent und überstrahlt immer den Oberbass und Mittelton, während er als Nebeneffekt auch noch erdrückend dröhnend und undifferenziert wirkt. Angenehm ist dies ganz klar nicht mehr.
Wer sich zwei im Frequenzgang erst recht weit oben beschnittene Subwoofer direkt an die Ohren hält, erfährt in etwa das gleiche Erlebnis wie mit den Al Capone In-Ears.

Der Eindruck der sehr warmen, dumpfen und bedeckten Mitten wird neben dem enorm in den Stimmbereich einstrahlenden Grundton zusätzlich durch einen zurückgenommenen Präsenzbereich verstärkt – zwischen 1 und 3 kHz müsste einfach mehr ausgleichende Energie vorhanden sein.
Nutzt man SpinFit Aufsätze, gewinnt der obere Mittelton/Präsenzbereich durch den sich verengenden Radius der Aufsätze etwas an Pegel, klingt aber noch immer viel zu warm, dumpf und dunkel, als dass man von einem bedeutenden Unterschied oder einer wirklichen Verbesserung sprechen könnte.

Irgendwo im Bereich des oberen mittleren und unteren oberen Hochtons gibt es eine Anhebung, die den Bassbereich ausgleichen könnte, besäße sie mehr Pegel. Da sie dies jedoch nicht schafft, wirkt der Hochton allgemein recht dunkel und glitzert nur gelegentlich etwas vor sich hin.
Da der Hochton auch sehr weich und weitestgehend trotz der Anhebung recht sanft klingt, ist jener auch nicht hart oder spitz genug, um einen Gegenpol zum Bass zu bilden.
Becken klingen durch die 6 kHz-Spitze übrigens etwas metallisch (, jedoch nicht spitz oder sibilant – dazu ist der Hochton einfach zu weich).

- - -

Solange in der Musik keine Stimmen einsetzen, ist die Abstimmung mit viel Geduld noch halbwegs erträglich, wenngleich sehr unnatürlich. Setzt aber auch nur eine Stimme dezent im Hintergrund ein, hat die Abstimmung überhaupt nichts mehr mit Balance, Natürlichkeit oder einem guten Klang gemeinsam und wirkt einfach nur sehr dumpf, verfremdet und misslungen.
Heutzutage gibt es von Herstellern wie Xiaomi, Knowledge Zenith oder FiiO einfach Modelle im Budget-Bereich unter und um 10$, die um Welten ausgewogener und natürlicher als der In-Ear mit dem Al Capone-Branding abgestimmt sind.

- - - - - - - - -

Zum Schluss des „Tonalität“-Abschnittes habe ich noch die Frequenzgänge der beiden Seiten des Al Capone In-Ears gemittelt und diese Durchschnittskurve mit der des InEar StageDiver SD-2 und Etymotic ER-4S gegenübergestellt, damit man einen visuellen Vergleich mit ausgewogen/neutral abgestimmten In-Ears sieht:

vs. ER-4S:


vs. SD-2:


Auflösung:

Man kann ohne wirkliche Ansprüche mit den Al Capone In-Ears Musik hören, aber ein Fest der Differenziertheit, Instrumententrennung und Kontrolle bei komplexen Aufnahmen ist dies nicht gerade.


Den Bass kann man noch als solchen erkennen – bei schnellerem und komplexerem Material wirkt er jedoch sehr schnell undifferenziert und neigt klar zum Matschen.

Die Mitteltonauflösung ist gering – da hilft auch der Einsatz eines guten Equalizers, der den Bereich zwischen 20 und 4000 Hz glattbügelt, leider nicht und Stimmen klingen matt sowie detailarm, bei einer verhältnismäßig geringen Sprachverständlichkeit.

Der Hochton wirkt weich und die Trennung einzelner Noten ist auch hier äußerst mangelhaft.

Räumliche Darstellung:

Die Bühne wirkt diffus und manchmal lassen sich auch Reflexionen und Hall in den Gehäusen wahrnehmen.

Überraschend ist, dass der verwaschene räumliche Eindruck nicht wie üblich vor oder in meinem Kopf, sondern etwas nach hinten versetzt stattfindet.

Instrumente gehen einfach ohne jegliche Trennung ineinander über und von einer Staffelung auf der Z-Achse braucht man auch gar nicht zu sprechen, denn alles, was man räumlich wahrnimmt, ist nur ein zusammenhängender Matschklumpen.


Fazit:

Die In-Ears mit dem Al Capone-Branding tun es den Tabak-Produkten des Herstellers gleich und sind eigentlich keiner (positiven) Erwähnung würdig, sondern vermitteln einen klanglich widerlichen, unausgewogenen und minderwertigen Eindruck – just wie auch die Mini-Zigarillos des Konzerns, die im Gegensatz zu den In-Ears jedoch leider keine einmaligen Werbeartikel, sondern frei verkäufliche Produkte sind.